WINTERBLUMEN

Vom Aufatmen in dunkler Zeit

Mit diesem Versprechen nahmen Dorothea Brand und Wolfgang Kummerfeldt zahlreiche Zuhörer, die sich am Samstagabend in der Kirche zu Bega eingefunden hatten, mit auf eine musikalische Reise durch verschiedene Länder. Harfe, Gitalele und Gitarre klangen wunderbar zusammen und waren eine stimmungsvolle Begleitung zu unterschiedlichsten Liedern.

Nachdenkliche und poetische Liedertexte, lyrische, aber auch durchaus fetzige Melodien verzauberten und schufen eine lichtvolle Atmosphäre jenseits des Alltags.

Das Begrüßungslied des letzten Weltgebetstags „Seid willkommen“ aus dem Inselstaat Vanuatu stand am Anfang des Konzertes. Dorothea Brand spielt eine keltische Hakenharfe, die durch Umstellen der Haken das Spiel in unterschiedlichen Tonarten ermöglicht. Die keltische Harfe ist das Nationalinstrument von Schotten und Iren und so trug das Duo entsprechend irische und keltische Songs vor, vielen bereits bekannt durch die Gruppen Sallys Garden oder die Dubliners.

„Herr Winter kommt vom Kaukasus“ ist ein Protestlied der deutschen Band „In Extremo“ gegen die Diktatur und damit durchaus aktuell, mit „Wer kann segeln“ gab es einen Abstecher nach Schweden und ein besonderes Lied war „Dat Kelbl“, in jiddischer Sprache. Das „Halleluja“ von Leonard Cohen, einem kanadischen Dichter und Songwriter bildete den eindrucksvollen Schluss des Liedervortrags. Instrumentalstücke schufen Nähe zur Natur und zu den Jahreszeiten – beispielsweise „Fluss und Meer“ oder „ First Snow“. Harmonisch fügten sich zwei von Dorothea Brand vorgetragene tiefsinnige Erzählungen in die Musik ein.

Der Beifall des Publikums war herzlich und einige Zuhörer nutzten die Gelegenheit, während der Pause und nach dem Konzert mit Dorothea Brand als der langjährigen und noch vertrauten Pfarrerin der Kirchengemeinde Bega ins Gespräch zu kommen.

Wer Samstag keine Zeit hatte, das Konzert zu besuchen, hatte am Sonntag Gelegenheit, einen musikalischen Gottesdienst zu erleben. Auch hier präsentierten Dorothea Brand und Wolfgang Kummerfeld sowohl Instrumentalstücke als auch zum Thema des Gottesdienstes passende Lieder – besonders schön: ein gesungenes Glaubensbekenntnis aus Irland.

Inhalt der Predigt war – mit Bezug auf den Text des kommenden Weltgebetstages – die Stelle aus dem Buch des Propheten Jeremia, in der er die Exilsituation des Volkes Israel beschreibt und tröstliche Worte für dessen Zukunft findet. Zusage und Trost, das sind Dinge, die jeder von uns in unterschiedlichen Lebenssituationen gebrauchen kann und die, so Frau Brand, gerade in der vor uns liegenden Passions- und Osterzeit wirksam werden sollen. Annelie Brandt von Lindau


HOFFNUNGSSCHIMMER

FLUSS UND MEER

PREDIGT zu Jeremia 29

Zusammenfassung unseres 2-jährigen Enkels:
„Alles dunkel – Geisterlicht kommt!“ Genial!!

Friede sei mit Euch!

Liebe Frauen und Männer, liebe Schwestern und Brüder,

 „Kaffee?“, frage ich den Soldaten, der bei mir im Türrahmen steht. „Gern“,  schallt es zurück. „Milch, Zucker?“ – „Schwarz bitte. Wie meine Seele.“

Die Begegnung liegt viele Jahre zurück und doch hat sie sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt. Manchmal sind es die kleinen alltäglichen Dinge, die einem den Blick öffnen.

„Kaffee?“, frage ich den Soldaten, der bei mir im Türrahmen steht. „Gern“,  schallt es zurück. „Milch, Zucker?“ – „Schwarz bitte. Wie meine Seele.“

Wie oft habe ich das schon gehört. Und eigentlich habe ich mir dazu noch nie richtig Gedanken gemacht.

Warum sollte die Seele schwarz sein?

Karfreitag fällt mir ein. Menschen, wie sie mit schweren Schritten Richtung Golgatha gehen  – dem Hügel der Kreuzigung Jesu. Tränen in den Augen. Hoffnungslos. Denn der, dem sie gefolgt waren, war tot. Auf den sie ihre ganze Hoffnung gesetzt hatten, lebte nicht mehr.

Bilder aus dem ersten Lockdown sind mir vor Augen – in Italien werden Leichen auf Lastwagen abtransportiert und Bestatter kommen mit dem Beerdigen nicht nach.

In Altenheimen und Krankenhäusern sterben Menschen alleine.

Familien in kleinen Wohnungen stehen vor dem Kollaps.

Vieles ließe sich hier weiterführen …
Schwarz – aussichtslos – vorbei! Wenn ich schwarz sehe, dann – sehe ich nichts mehr. Eine Wand – undurchlässig – ohne den Blick auf das, was danach kommt.

Ich sehe schwarz. Warum auch immer.

„Kaffee?“, frage ich den Soldaten, der bei mir im Rahmen steht. „Gern“,  schallt es zurück. „Milch, Zucker?“ – „Schwarz bitte. Wie meine Seele.“

Und ich höre mich antworten:
Oh – schade: Dann haben Sie wohl noch nie von Ostern gehört?

Fragezeichen im Gesicht meines Gegenübers:
Kaffee – schwarz – Seele – Ostern

Fragezeichen.

Ich komme mit den gefüllten Tassen zurück:
„Warum meinen Sie“, beginne ich das Gespräch, „warum meinen Sie, dass Ihre Seele schwarz ist?“ und er antwortet mit einer Gegenfrage: Was das denn mit Ostern zu tun habe.

Und ich erzähle von dem Gottesdienst in der Osternacht. Wie die entzündete Osterkerze in die dunkle Kirche getragen wird. Wie das kleine Licht den dunklen Raum erstrahlen lässt, wie die vielen kleinen Osterkerzen an dem einen Licht entzündet werden, bis die Kirche hell ist.

Ich erzähle von der Symbolik, dass Jesus von den Toten auferweckt wurde.

Ich erzähle davon, wie die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus Menschen ergreift, wie sie aus ihrer Karfreitagsdepression herausgerissen werden und wie die schwarze Wand vor ihnen einen Spalt bekommt, wie Licht auf sie fällt.

Und mein Soldat?
„Ich bin nicht sehr religiös“, sagt er.

„Aber das mit dem Dunkel und der Wand, das kenne ich. Perspektivlos, verzweifelt, wie ich  – so müssen sich die Freunde um diesen Jesus gefühlt haben an jenem schwarzen Freitag.“

Und dann erzählt er von einer verfahrenen Ehesituation. Davon, wie er sich betrogen fühlt von der Ehefrau, während er im Einsatz war. Von Schuldvorwürfen, von Schuldgefühlen und davon, dass er sich am liebsten aus diesem Leben verabschieden wolle. „Die Wand – schwarz – ohne Hoffnung. Schwarz, kein Weiß. Eben wie meine Seele. Sie ist ein Spiegel  meiner Situation.“

„Ja“, sage ich. „Das ist erdrückend. Schwarzer Tag. Undurchdringlich.
So müssen sich Jesu Freunde auch gefühlt haben. Am Ende angekommen.

Und dann?
Ostermorgen für die um Jesus herum.  Frauen sind das zuerst – sie wollen dem toten Jesus die letzte Ehre erweisen – wollen ihn salben mit kostbarem Öl:

Da ist eine Maria, die nichts sieht. Das Schwarz ist so undurchdringlich, verschließt  Augen und Herz. Sie hält den auferstandenen Jesus für den Friedhofsgärtner, fragt ihn nach dem Leichnam Jesu.

Und dann hört sie was – nur ein Wort: Maria.

Sie hört ihren Namen. Sie ist gemeint. Licht fällt durch einen kleinen Spalt im Dunkel. Strahlt sie an, stellt sie auf den Weg jenseits von ihrem Dunkel.
Eine Perspektive tut sich auf – ein Weg – Zukunft.

Ostern meint: Auf meine so schwarze Seele fällt Licht – einen Spalt breit – ausreichend, um das undurchdringliche Schwarz der Wand zu durchbrechen. Licht genug, um das Kreisen im Dunkel der Schuldgefühle und Vorwürfe zu unterbrechen.

Irgendetwas muss dran sein, an diesen Erfahrungen.

Das war nicht nur damals so – bei dem ersten Ostern.
Irgendetwas muss dran sein.

Irgendetwas muss dran sein.
Darum rede ich schon heute – weit vor dem Osterfest, das wir in diesem Jahr erst Mitte April feiern, von dem, der dunkle Zeiten heller machen kann. Von dem, der uns Aufatmen lässt in schweren Zeiten.


Aufatmen – wie das gehen soll?
Vielleicht so, wie es der Prophet Jeremia seinen in die Verbannung geschickten Landsleuten schreibt. Mitten hinein in die tiefe Depression des Verlustes von Heimat, vom Tempel und – von Gott? – fordert Jeremia zum Durchhalten auf:

1. Akzeptiert die Krise – arangiert euch mit der so schlimmen Situation.
Das ist schwer. Wir wissen das wohl aus den eigenen Erfahrungen der letzten zwei Jahre.

Findet euch ab mit der Krise und dann
2. Krempelt die Ärmel hoch: „Baut Häuser und wohnt darin! Pflanzt Gärten und erntet. Zeugt Kinder und verheiratet eure Kinder!“ Denn die Krise wird lange dauern – ein oder zwei Generationen lang. Darum „sucht der Stadt, in der ihr jetzt lebt, sucht der Stadt Bestes. Engagiert euch in und für die Stadt. Betet für sie. Denn das ist jetzt eure Heimat! Geht es der Stadt gut, dann geht es auch euch gut.

Das ist eine klare Ansage – auch für uns!
Denn – nochmal Jeremia: Gott weiß wohl, was für Gedanken ER über euch hat: Gedanken des Friedens und nicht des Leids, dass Er euch Zukunft und Hoffnung gebe.

Vom Aufatmen in dunkler Zeit – irgendetwas muss dran sein, an allen diesen Erfahrungen.

Ich kehre noch einmal zu meinem Soldaten zurück.
Diesem einen Gespräch folgten zwei weitere mit meinem Soldaten.

Immer war der Kaffee schwarz – die Seele aber hatte einen Lichtschimmer abbekommen. Gespräche mit der Frau, Unterstützung von Freunden, ein Weg jenseits der schwarzen Wand.

Mehr Ostern geht kaum noch – auch wenn es erst Februar ist. Amen.

Und der Friede Gottes, der größer ist als unser Verstand es begreift, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

ROTENBURG

Zum Erntedankfest 2021

Liebe Frauen und Männer,
liebe Schwestern und Brüder,

mal wieder – ein Stein …
ich mag Steine – und ich habe auch in diesem Jahr wieder am Strand gesammelt …

Mit Steinen kann man viel machen:

  • einen Schutzwall bauen
  • oder einen kleinen Garten gestalten,
  • sie vom Acker sammeln,
  • man kann sie leider auch gegeneinander erheben,
  • man kann Türme damit bauen,
  • oder sie als einen kleinen Weg durch einen Bach legen, um trockenen Fußes hindurchzukommen,
  • und vieles andere …

Von einem besonderen Stein will ich erzählen:

Jakob wählt ihn aus.
Auf der Flucht vor der Rache seines Bruders Esau legt sich Jakob schlafen. Stunden ist er gelaufen – immer unter der sengenden Hitze der Sonne –  und mit der Angst im Nacken.
Was ich getan habe, war falsch, er wusste das.
Den Bruder hatte er um sein Erbe – den Segen seines Vaters – gebracht,
und den alten Vater hatte er böse betrogen.

Dass er weg musste von zu Hause, es war ihm klar – aber es tat so weh.

Unter freiem Himmel legt er sich hin – einen Stein hinter seinem Kopf als kleinen Schutz – und er schläft.

In jener Nacht träumt er:
Der Himmel über ihm ist offen.
Eine Leiter verbindet den Himmel mit dem Fleckchen Erde,
wo er liegt. In ständigem Auf und Ab bewegen sich Gestalten von oben nach unten und wieder hinauf.

Und er hört eine Stimme:
Jakob, du sollst gesegnet sein. Viele Nachkommen sollst du haben und das Land, auf dem du liegst, soll dir gehören.
Und siehe, ich bin mit dir und ich will dich behüten, wo du hinziehst.

Jakobsleiter in der Kirche zu Alta/Norwegen

Jakob erwacht.

Staunen ist ihm ins Gesicht geschrieben:
Ihm, dem Betrüger, schickt Gott solch einen Traum?

Und was bedeutet er?
Was ist das für ein Gott, der sich ihm zuwendet, als er im wahrsten Sinne des Wortes am Boden liegt?

Staunend nimmt Jakob den Stein, der ihm als Schutz gedient hat.

Er richtet ihn auf, träufelt ein wenig des kostbaren Öls, das er bei sich trägt, auf diesen Stein und beginnt zu verstehen:

Hier an diesem Ort haben sich Himmel und Erde berührt.
Gott selbst wohnt hier an diesem Ort,

an dem ich mich mutterseelenallein gefühlt habe.
Gottes Haus ist hier. Gott nimmt hier Wohnung.
Den Himmel, den ich verschlossen glaubte, sah ich offen.

Gott macht sichtbar, was er verspricht:
Lichtgestalten zwischen Himmel und Erde –
was bedeutet: Ich bin bei dir … gehe mit dir – rauf und runter, durch dick und dünn, durch die Tiefe und in die Höhe …
Dem Betrüger wendet sich Gott erneut zu:
Mit Worten und mit den Bildern des Traums:
Ich bin bei dir und will dich behüten, wohin du auch ziehst!

So also ist Gott.
Staunend steht Jakob vor seinem Stein.

Sein Stein – Zeichen der Erinnerung für später –

Zeichen des Dankes

  •  für erfahrene Bewahrung
  •  für wiederholtes Versprechen
  •  für nicht verdiente Zuwendung (im bibl. nennt man das Gnade!)

    Sein Stein – er wird zur Brücke zwischen Gestern und Morgen.

Manchmal brauchen wir Menschen solche Steine.
Sie helfen uns erinnern.
Sie helfen uns ‚Danke’ zu sagen.

Die alten Väter der Bibel haben ihren Dank sichtbar gemacht:
Wo immer sie Rettung erfahren haben, bauten sie einen Altar: 
Sie schichteten Steine übereinander, zündeten ein Feuer an, opferten Getier.

Und in allem war präsent, wofür zu danken war :
für Kinder und große Viehherden,
für Bewahrung,
für einen neuen Weg und ein neues Zuhause,
für Wasser in letzter Minute und Essen,
für die gelungene Versöhnung und für einen Neuanfang.

Auch unser Raum ist voller ‚Erinnerungssteine’:
Wir tragen zusammen, was gewachsen ist in Gärten und auf Feldern,
und mit ihnen legen wir auf den Tisch, was wir an Arbeit geleistet haben.

Und in Gedanken sind da auch die vielen persönlichen Dinge, die wir erlebt haben, für die wir auch ‚Danke’ sagen.

Und es geht uns wie Jakob:
Staunen ist uns ins Gesicht geschrieben:

Wieder ein Jahr – wirklich schon wieder ein Jahr?

Ein Jahr – geschenkte Zeit,
erfüllte Partnerschaft,
Kinder, die so viel fordern, aber doch so viel Freude in ein Haus bringen,
Essen und Trinken, vielleicht ein neues Zuhause,
neue Freunde, liebe Nachbarn.

Ein Jahr geschenkte Zeit –

aber auch Krankheit, vielleicht Genesung, langsame Fortschritte im Genesen, Arbeitslosigkeit, Hausverkauf, Abstieg (mehr die Lichtgestalten, die in die Tiefe gehen), Schmerzen und Verlust.

In vielem, was uns widerfahren ist, haben sich Himmel und Erde berührt,
hat Gott uns berührt, angerührt, ist nahe gewesen.

Nicht immer haben wir es erkannt.
Und manchmal war es wie im Traum.

Jakobs Traum  nimmt uns mit.

Vielleicht öffnet er uns den Blick für den geöffneten Himmel über uns. Und wir erkennen: das Licht reicht bis zu uns – herunter.

Und staunend nehmen wir wahr:
Gott meint es noch mal gut mit uns.

Er rückt nicht von uns ab. Sondern kommt an unsere Seite.

Auch wenn wir nicht die Treuesten waren,
auch wenn wir schuldig geworden sind im Umgehen miteinander,
auch wenn wir meinen, ohne Gott auskommen zu können.

Jakobs Traum nimmt uns mit –
nimmt uns mit ins Staunen
und mit ins Danken.

Und wir bringen diesen Dank vor Gott

und gehen weiter,
staunend und dankend und voller Hoffnung,
dass Gott uns nicht allein gehen lässt. Auch nicht morgen und übermorgen. Amen.


Die Kirche zu Alta/Norwegen

ZwischenZeit und Ewigkeit

Gottesdienst im Kloster Cismar am 8. August 2021

(D) Liebe Frauen und Männer, liebe Gemeinde,

Sie haben es vielleicht in der Ankündigung des Gottesdienstes gelesen:
Heute halten zwei Pensionäre den Gottesdienst – Menschen, die hinter ihrer Berufsbezeichnung ein ‚i.R.‘ haben – zwei, die schon ‚in Rente‘ sind oder ‚im Ruhestand‘, jedenfalls Leute, von denen man schmunzelnd sagt: ‚Die haben doch nie Zeit!‘

(W) Aber – Zeit, was ist das eigentlich?

Ein kleines Gedankenexperiment: Stellen wir uns einmal vor, es würde sich nichts bewegen. Kein Auto auf der Straße, keine Wolken am Himmel, keiner von uns hier. Die Uhrzeiger würden stehen, die Sonne am Himmel immer am gleichen Punkt.

Wir würden nicht merken, ob Zeit vergeht.
Ohne Veränderung gibt es keine Zeit.

In einem meiner Lieblingsfilme „Täglich grüßt das Murmeltier“ lebt die Hauptperson gefangen in einer Zeitschleife. Jeden Morgen wacht er um 6 Uhr durch seinen Wecker auf, immer mit dem gleichen Lied „I got you babe“ , immer am gleichen Tag, am 2.Februar. Was er auch macht, ob er den Tag normal verbringt oder das Murmeltier ermordet oder vom Kirchturm springt, immer um 6 Uhr morgens „I got. you babe“.
Eines Abends sitzt er mit zwei ziemlich angetrunkenen Kumpels am Tresen und klagt sein Leid: Jeden Tag dieselbe Leier, nichts Neues im Leben. Und was sagen die beiden: „Das ist bei uns schon immer so“.


Wenn sich in unserem Leben nichts wesentlich ändert, kann das Gefühl entstehen, die gelebte Zeit sei vertan – verschenkt. Dabei sehnen wir uns danach, dass unser Leben nicht nur einfach so verstreicht. Dass wir sagen können: Das habe ich  – heute – geschafft! Das war gut so. So macht mein Leben Sinn.

(D) Viele Menschen kennen einen solchen ‚Durst nach Leben‘, ‚Durst nach erfüllter Zeit‘.
Durst nach Leben.
Das meint: Ich möchte glücklich sein. Und gesund.
Möchte mit Menschen zusammen sein, die mir guttun.
Möchte Spaß haben.
Viele Menschen haben Durst nach Leben.

Die Bibel erzählt dazu folgende Geschichte:
Jesus sitzt am Brunnen. Er ist alleine, seine Freunde sind in den Ort gegangen, um etwas zu essen zu holen. Lange waren sie alle unterwegs gewesen.

Da kommt eine Frau mit einem Krug.
Sie schöpft Wasser.

Jesus sagt: „Gib mir bitte einen Schluck zu trinken! Ich habe Durst.“

„Nein“, sagt die Frau, „du bist ein Fremder, ich kenne dich gar nicht.“

Jesus sagt: „Ich gebe dir das Wasser des Lebens.“

Die Frau – überlegt:
„Wasser des Lebens?
Lebendiges Wasser, um den Durst nach Leben zu stillen.“

Sie schließt für einen Moment ihre Augen.
Vor sich hin gemurmelt:
War sie nicht gerade heute Morgen so traurig gewesen?
Hatte verzweifelt überlegt, mit wem sie reden könnte.
War vollkommen fertig gewesen, weil das Geld fehlte, um Brot für die kommenden Tage zu kaufen.

Lebendiges Wasser , um den Durst nach Leben zu stillen. Das wäre krass!
Lebendiges Wasser, das meinem Leben wieder Sinn gäbe, denkt sie.
Lebendiges Wasser, das meine Zeit zu etwas Sinnvollem macht.

„Das will ich haben“, sagt sie. „Lebendiges Wasser!“
„Ich laufe. Ich hole meine Nachbarn, damit wir alle davon trinken können.“

Und dann läuft sie los.

Der Moment am Brunnen – der hat etwas mit ihr gemacht.
Mit ihr und mit ihrer Zeit. Hat sie verändert und ihren Blick auf ihr Leben.

Diese Veränderung, dieses Neue im Leben macht aus verflossener Zeit geschenkte gute Lebenszeit. Ja, vielleicht kann man sagen:
Der Moment der Begegnung mit Jesus am Brunnen wird für die Frau zu einem Moment, in dem schon hier in diesem irdischen Leben etwas von der Ewigkeit aufleuchtet.

(W) Das musste nun doch wieder kommen –
Ewigkeit – dieses Wort, das im kirchlichen Raum dauernd, um nicht zu sagen ewig, benutzt wird und mich auf später, wenn ich tot bin, vertrösten will!

(D) Halt – hör auf zu schimpfen! Du hast mich nicht verstanden. Ich habe gemeint: Die Frau hat am Brunnen schon ein Stückchen von der Ewigkeit erlebt – hier im jetzigen Leben.
Sie hat einen Moment erlebt, in dem ihr Durst nach Leben, nach Glücklich-Sein, gestillt worden ist.

(W) Du meinst also, Ewigkeit passiert auch schon hier auf der Erde?

(D) Ja – ganz konkret:
Momente der Ewigkeit, die Durst nach Leben stillen:
Wo ein Mensch einem anderen zuhört –
Wo ein Mensch einen anderen nicht allein lässt –
Wo ein Mensch einem anderen hilft.

Und wo ein solcher ‚Ewigkeits-Moment‘ für immer in meinem Gedächtnis bleibt, wo er mir zum ‚Weiterleben‘ hilft.

(W) Also – bis jetzt habe ich immer gedacht: Ewigkeit – das ist einfach nur eine verdammt lange Zeit.
Ich erzähle Dir ein Beispiel:
Vor etwa zwei Jahren hatte ich eine Entzündung am Fuß, die operativ entfernt wurde. Ich fragte den Arzt, wie lange das braucht um wieder zu heilen. Er meinte nur lapidar: „Rechnen sie mal ziemlich lang, eine halbe Ewigkeit.“

Für jemand wie mich, der viele Semester Mathematik studiert hat,  wirft so eine Antwort Fragen über Fragen auf.
Habe ich doch gelernt: Streicht man von den unendlich vielen natürlichen Zahlen 1;2;3;4;5;6;usw jede Zweite weg, so bleiben noch unendlich viele ungerade Zahlen 1;3;5;usw übrig, obwohl man doch schon unendlich viele gerade Zahlen 2;4;6usw gestrichen hat.

Die Unendlichkeit wird durch halbieren nicht kleiner. Ewigkeit ist also etwas anderes als unendlich lange Zeit

(D) Dann unterscheidet sich Ewigkeit von unserer Zeit. Sie ist Gottes Zeit und kann jederzeit zu unserer Zeit werden. Wie bei der Frau am Brunnen. Ein Moment der ‚Gotteszeit‘ – eine ausgefüllte, verändernde und Neues schaffende Zeit. Was die Frau dort erlebt hat, bringt sie auf die Beine. Sie läuft los. Holt andere. Will diesen Moment mit anderen teilen.

(W) Also so: Ewigkeit ist schöpferische Zeit, vor und in und nach unserer Lebenszeit. Sie kennt keine Langeweile und keine Hektik. Sie ist die gute von Gott geschenkte Zeit für mich, ein Lebensmoment, in dem Himmel und Erde einander berühren.

Dialogpredigt in Ahrensbök am 31.5.2021 zu Nikodemus (Joh 3)

Von Doro und Wolfgang

Doro: Wir hören den heutigen Predigttext aus dem Johannesevangelium im 3.Kapitel:Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden.

Wolfgang: Wenn ich Pharisäer höre, läuft mir schon das Wasser im Mund zusammen. Dieser leckere Kaffee mit Sahne und einem ordentlichen Schuss Rum. Als ich das Getränk zum erstenmal im kalten Winter an der See kennenlernte, war ich auch von diesem Namen fasziniert. Woher er denn kommt, fragte ich die Bedienung. Und sie erklärte mir, die Pharisäer wären verlogene Heuchler gewesen. Ich kenne doch sicher die Geschichte von dem Pharisäer, der öffentlich Gott dankt, dass er nicht so geldgierig ist wie die Zöllner. Damals war es verpöhnt, wenn Frauen in der Öffentlichkeit Alkohol tranken. Deshalb bestellten sie sich dann einen Kaffee mit Sahne und der Wirt sah an dem Augenzwinkern schon, dass er den Rum darunter verstecken sollte. Und so ein Pharisäer kam jetzt zu Jesus? Was wollte er denn von ihm?

Doro: Also noch mal von vorn: Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht

Wolfgang: Wieso bei Nacht, hatte er was zu verbergen?

Doro: Davon steht hier nichts, aber so ein angesehener Mensch wollte vielleicht nicht mit diesem herumziehenden Wanderprediger gesehen werden. Aber jetzt geht die Geschichte weiter: Nikodemus sagt zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott ist mit ihm.

Wolfgang: Ich dachte die Pharisäer waren verlogene Heuchler. Das hört sich jetzt aber ganz anders an. Er nennt Jesus einen Rabbi, einen Lehrer. Als wenn beide auf der gleichen Ebene miteinander diskutieren könnten. Was waren die Pharisäer denn nun wirklich?

Doro : Sie waren keine ausgebildeten Theologen und auch keine Priester, sondern einfache Leute, Handwerker, Händler, Bauern oder Hirten. Aber sie konnten im Gegensatz zu den meisten Menschen damals lesen und deshalb lasen sie in den Synagogen, also den Kirchen dieser Zeit die alten Schriften vor und versuchten ihre Bedeutung für die Gegenwart zu erklären.

Wolfgang : Dann war Jesus eigentlich ja auch Pharisäer, er hat doch bis zu seiner Taufe bei seinem Vater in der Werkstatt gearbeitet, konnte lesen und hat am Sabbat die alten Schriften in der Synagoge ausgelegt.

Doro : Ja im Prinzip war Jesus so etwas wie ein Pharisäer, aber nach der Taufe ist er ja als Wanderprediger durchs Land gezogen und er hat sich auch keiner der Gruppen der Pharisäer angeschlossen.

Wolfgang : Dann ist das schon etwas besonderes, wenn ein hoch angesehende Pharisäer wie Nikodemus anerkennt: Jesus ist von Gott gekommen. Das hat er sicher nicht zu vielen gesagt.

Doro : Aber lass mich doch die Geschichte weitererzählen: Nikodemus sagt zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott ist mit ihm. Jesus antwortete ihm

Wolfgang: Entschuldigung, dass ich dich noch mal unterbreche, aber wieso antwortet Jesus? Nikodemus hatte doch gar keine Frage gestellt. Er hatte doch nur gesagt, dass Gott mit Jesus ist. Wo ist da die Frage auf die Jesus antwortet?

Doro : Hör doch die Geschichte erst mal zu Ende: Jesus antwortete Nikodemus: Wirklich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.

Wolfgang : Langsam begreife ich. Die Frage steckte zwischen den Zeilen. In der Person Jesus selber. Denn Jesus hatte ja gepredigt, dass das Reich Gottes schon angebrochen sei. Jesus versucht also jetzt zu erklären, woher er denn weiß, dass das Reich Gottes schon angebrochen ist, während die meisten Juden noch auf diesen Anfang warteten. Während Nikodemus es aus den Zeichen und Wundern, die Jeus tat, erkannt hat, weist Jesus hingegen darauf hin, dass man neu geboren werden muss. So wie er in der Taufe durch Johannes auch, symbolhaft durch die von Gott kommende Taube, nicht nur mit Wasser getauft sondern auch mit Gottes Geist beschenkt wurde. Und wie das jetzt bei allen Menschen möglich ist, das will Nikodemus jetzt sicher wissen.

Doro : Genau, so geht die Geschichte weiter: Nikodemus fragt Jesus : Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in den Bauch seiner Mutter gehen und geboren werden?

Wolfgang : Nikodemus stellt sich also an eine Wiedergeburt vor, so ähnlich wie die Hindus in Indien. Jesus hatte aber doch von einer Neugeburt, einer ganz anderen als unserer ersten Geburt gesprochen.

Doro : Deshalb erklärt er es im folgenden Teil des Bibeltextes genauer. Jesus antwortete: Wirklich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren werden. Der Wind Gottes bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist.

Wolfgang : Deshalb haben viele Menschen, als sie sich zu Christus bekannt haben, einen neuen Namen bekommen. Das bekannteste Beispiel ist Saulus, der zu Paulus wurde. Als wenn hier ein ganz neuer Mensch entsteht. Aber ich frage mich: Ist das heute noch möglich? Und wie komme ich an diesen neuen Geist? Oder falls er schon da ist, woran erkenne ich ihn, wenn der Wind Gottes doch kommt und bläst, wohin er will?

Doro : Mit unseren Augen können wir das sicher nicht direkt sehen, aber an den Auswirkungen vielleicht erkennen. Gottes Geist bewirkt Frieden, Freude, Glück, Trost, Geborgenheit, Fürsorge. So eine Veränderung merkt man doch bei Menschen.

Wolfgang : Da fällt mir eine Geschichte aus Indien ein: In Indien lebte ein Mann, der schon als Junge erblindet war. Wie das damals dort und teilweise noch heute üblich ist, wurde für ihn eine Frau von der Familie ausgesucht. Da er ja vollständig blind war, suchte man keine Schönheit für ihn aus. Seine Frau galt schon als junges Mädchen als hässlich und wurde von allen Mitschülern und insbesondere von den Mädchen ausgelacht: „Du wirst nie einen Mann finden“. Sie war nicht nur pummelig, sondern hatte auch eine kaum fühlbare, aber deutlich sichtbare Narbe im Gesicht, was dadurch entstellt wirkte. Schon deshalb war sie nicht unglücklich, als von ihrer Familie ein Blinder als Mann für sie ausgesucht wurde. Aber die beiden verliebten sich ineinander. Sie war dem blinden Mann in vielen Ehejahren eine gute Frau. Sie war tatkräftig und fleißig und trug ganz viel zum Einkommen der Familie bei, zu der bald auch 2 Kinder zählten. Jahre später, als die Kinder bereits aus dem Haus waren, kam ein Arzt aus einem fernen Land in ihr Dorf. Er untersuchte den blinden Mann und bot an, durch eine Operation die Blindheit heilen zu können. Seine Frau erschrak, was würde er denken, wenn er sie jetzt zu sehen bekäme. Schon als Kind keine Schönheit, aber jetzt nach vielen arbeitsreichen Jahren alt und ausgemergelt und runzlig. Sie warnt ihren Mann vor der Operation, sie wäre viel zu gefährlich. Der Mann ist hin und her gerissen. Einerseits würde er gern wieder sehen, aber andererseits vertraut er den Worten seiner Frau. Er fragt einen alten indischen Guru um Rat. Der kennt die Frau und ahnt, dass die medizinischen Bedenken nur vorgeschoben sind. Er rät: Höre auf das, was dir dein Herz dir sagt.

Doro : Und das ist das Ende der Geschichte? Ich persönlich finde so etwas gemein. Ich will doch wissen, wie der Mann sich jetzt entschieden hat. Hat er sich operieren lassen? Und wenn, hat er seine Frau immer noch so lieb wie vorher, obwohl er jetzt weiß, dass ihm sein halbes Leben lang die Wahrheit vorenthalten wurde. Oder verlässt er sie deshalb, oder weil er sie so hässlich findet? Oder verlässt sie ihn vor Enttäuschung, weil er ihr nicht vertraut hatte? Oder vertraut er ihr, lässt sich nicht operieren und sie leben beide glücklich mit dieser Lüge bis an ihr Lebensende? Ich würde es zu gern wissen.

Wolfgang : Ich auch, aber leider war die Geschichte da zu Ende. Und der Rat des Guru hilft uns bei der Frage, wie die Geschichte endet, auch nicht ernsthaft weiter. Es ist sicher gut und richtig, auf sein Herz zu hören. Das was man sieht ist oft nur die Oberfläche. Aber auch manche Herzen sind versteinert und hart. Was der Mensch braucht ist ein von Gottes Geist durchströmtes Herz. Ein offenes freundliches gütiges Herz. Das ist das Herz von dem der schlaue Fuchs im Buch: Der kleine Prinz von Saint-Exupéry spricht. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Man sieht nur mit dem Herzen gut. Unsere Augen sehen oft nur das Schlechte, Gewalt, Krieg, Kathastrophen und Leid. Wen aber der Geist Gotttes durchströmt, der sieht, wo Frieden und Heilung, Rettung und Hoffnung ist.

Doro: Wenn man ein Herz hat, das offen für Gottes Geist ist, sieht man viel vom Anbruch des Reiches Gottes. Es sind oft unscheinbare Dinge, die große Veränderungen auslösen. Wie der Tag, als Frau Rosa Parks, eine farbige Arbeiterin aus Montgomery in Alabama sich erschöpft auf einen Busplatz setzte, der für Weiße reserviert war und damit die erfolgreichste Bürgerbewegung der USA auslöste. Oder Greta, die statt zur Schule zu gehen sich jeden Freitag vor das Stockholmer Parlament setzte um auf die Klimakrise hinzuweisen. Oder die Familie, die sich schon seit mehr als ein Jahrzehnt um ihre fast demente Großmutter kümmert. Oder der hochintelligente Schüler, der statt mit erhobener Nase durchs Schulgebäude zu laufen, nachmittags anderen, denen das Lernen schwer fällt, bei den Hausaufgaben hilft. Wer sein Herz für Gottes Geist öffnet, sieht manchmal schon den Himmel auf Erden.

Weisst Du noch?

„Vater“, lässt Habib Bektas das Kind
fragen, „Vater, reden die Sterne?

Während ich nachdenke über die Frage
beginnt das Kind mit den Sternen zu reden

und die Sterne
erzählen ihm herrliche
Geschichten.“


Wisst ihr noch, wie es geschehen?
Immer werden wir‘s erzählen:
wie wir einst den Stern gesehen mitten in der dunklen Nacht.

– Evangelisches Gesangbuch Nr 52 –

Wisst ihr noch, liebe Frauen und Männer, wisst ihr noch, wie es geschehen?

Wisst ihr noch, was sie erzählt, die alte Geschichte der Weihnacht?
Wisst ihr noch von Maria und Joseph und der verzweifelten Suche nach Herberge, da das Kind geboren werden soll?
Von dem Gesang der Engel auf den Feldern vor Bethlehem?
Wisst ihr noch?
Von der Furcht der Hirten?
Wisst ihr noch?

Bethlehem:
In dunkler Nacht – die Botschaft der Freude:
Eure Hoffnung ist Wirklichkeit geworden!
Gott schickt den, der Frieden bringt!, sagt diese Botschaft.

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!“  … mitten in der Nacht …

Mitten in der Nacht
Das Leben von seiner dunklen Seite – wenn es nichts zu hoffen gibt – wenn Verzweiflung den Blick verstellt, trübt  – wenn jeder für sich / bei sich selbst ist – wenn Angst da ist – wenn kein Weg zu sehen ist – wenn die Ruhe zum Nachdenken ist – wenn sich Raum auftut zum Träumen (vom Leben, was es noch alles bieten könnte…!) – wenn das Tagesgeschehen langsam entweicht –

Mitten in der Krise
Wenn die Infektionszahlen einfach nicht in den Griff zu bekommen sind.
Wenn die Angst den Rücken hinauf kriecht.
Wenn der Raum eng wird, in dem ich mich bewegen kann.
Wenn ich nicht weiß, wie es übermorgen weitergehen soll.

In dunkler Nacht
der Jubel der himmlischen Heerscharen:
Ehre sei Gott in der Höhe!

Taghell wird es da …

In dunkler Nacht die Hoffnung auf Licht.
In dunkler Nacht die Hoffnung auf Frieden – auch und gerade mit mir selbst, wenn alles in Unordnung geraten zu sein scheint.
Erzählt dies Licht doch davon, dass es weitergeht,
dass es ein Morgen gibt, dass sich etwas ändern kann …

In dunkler Nacht – Hoffnung
… auf das Ende einer Nacht, auf das Ende von Schmerzen, auf das Ende quälender Sorge …
die Hoffnung auf Licht.



An anderem Ort:
Sternkundigen weit im Osten fällt ein besonders heller Stern auf. Sie wissen:
Dieser Stern zeigt die Geburt eines Königs an.

Auch hier leuchtet sie auf – die Hoffnung.
Die Hoffnung auf einen Herrscher, der Frieden bringt.

Ein Stern
ein besonderes Licht – ein Lichtblick – eine Hoffnung, die aufscheint – etwas außerhalb meiner selbst – etwas, das mich ins Licht stellt – der den Weg vor mir ausleuchtet – den Weg weist – die Angst nimmt – das Vertrauen stärkt loszugehen –

Ein Stern –
und sie trauen ihren Augen
und sie wagen den Aufbruch.


Der Weg beginnt.
Er beginnt in der Dunkelheit – mit der Zusage, dass dieser Weg ein Ziel hat, mit der Zusage, dass das Leben nicht ins Leere läuft, sondern gelingen wird.

Ein langer Weg – eine weite Strecke …

Sie sind unterwegs. Gemeinsam. Wohl wissend, dass einer auf den anderen angewiesen ist.

Sie folgen dem Stern. Im Vertrauen, dass sie nicht allein unterwegs sind.
Sie folgen ihrer Sehnsucht nach dem ‚Mehr im Leben’ –
voller Spannung,  aber sicher, dass er sie zum Ziel führen wird.

Unterwegs kommen dann doch Zweifel auf.
Der Blick in die Karte scheint zwecklos. Die Verbundenheit mit den anderen keine wirkliche Hilfe. Manchmal entzieht sich der Stern den Blicken der Kundigen.
Manchmal ist die Hoffnung kaum noch spürbar.

Die Realität holt die Träume ein. Der Himmel ist verhangen, die Sicht versperrt. Es ist kein Raum, nach dem Himmel zu fragen. Die Zusagen vom Anfang des Weges tragen nicht.
Wer ins Stolpern gerät, schaut lieber auf die Hindernisse vor den Füßen als an den Himmel.

Der Stern scheint erloschen.
Zweifel an der Richtigkeit des Weges kommen auf: Ein neugeborener König ist doch im Palast zu suchen, der Stern aber weist nicht nach Jerusalem, sondern nach Bethlehem.

Die Hoffnung schwindet.

Auch 2000 Jahre später ist das so.
Wer immer wieder den Himmel verhangen erlebt, der weiß schließlich seine Hoffnung nicht mehr zu benennen, der weiß seinen Stern nicht mehr zu erkennen.

Wer seine Sehnsucht nach einem ‚Mehr im Leben’ aufgegeben hat, der bleibt stehen. Der kommt nicht an.

Im Jerusalemer Königspalast erfahren die Sternkundigen von den Gelehrten der Heiligen Schriften von der alten Hoffnung auf einem Friedenkönig, den Gott selbst in die Welt schickt.

Und sie machen sich erneut auf, vertrauen sich noch einmal der Führung des Sternes an.
Die Kraft dazu ist wieder da. Etwas bringt sie auf die Beine –
und dann wieder auf den Weg. Erneut.

Sie gehen.

Und sie finden das Kind in der Krippe.

Sie sind am Ziel.
Sie wissen es: Dieser Mensch hier ist der von Gott gesandte Retter der Welt.
So, wie es die alten Schriften gesagt haben:
“Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen. …. Und er wird der Friede sein.“

Eine Sehnsucht kommt ans Ziel.

Und sie bringen, was sie haben: ihren Reichtum im Gold, die Bitterkeit ihres Lebens in der Myrrhe, ihre ganze Sehnsucht im Weihrauch, den sie niederlegen.

Sie sind am Ziel.

Wo sind wir unterwegs?
Unter einem guten Stern, hoffe ich, allemal.

Jochen Klepper hat das im vergangenen Jahrhundert so gedichtet:
“Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und Schuld, doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld. Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein  Dunkel mehr; von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.“

Der Stern der Gotteshuld – von seinem Licht beglänzt, hat das Dunkel meines Lebens seine Macht verloren. Rettung ist angesagt. Unser Leben steht unter diesem besonderen Stern.

Daran dürfen wir uns in der Tat freuen.

Forthin wird der Stern der Gotteshuld unseren Weg beleuchten, er wird ihn ‚beglänzen’, ihm Glanz verleihen.

Und wir?
Wir gehen in seinem Licht vertrauensvoll nach vorne, seiner Zusage gewiss: Manches Dunkel wird mir begegnen, meine Sehnsucht aber wird nicht ins Leere laufen, denn der Stern weist mir den Weg zum Ziel. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unser Verstand es begreift, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.


Aufgrund der hohen Infektionszahlen ist der Gottesdienst in Bosau am 17.01.2021 abgesagt.