ZwischenZeit und Ewigkeit

Gottesdienst im Kloster Cismar am 8. August 2021

(D) Liebe Frauen und Männer, liebe Gemeinde,

Sie haben es vielleicht in der Ankündigung des Gottesdienstes gelesen:
Heute halten zwei Pensionäre den Gottesdienst – Menschen, die hinter ihrer Berufsbezeichnung ein ‚i.R.‘ haben – zwei, die schon ‚in Rente‘ sind oder ‚im Ruhestand‘, jedenfalls Leute, von denen man schmunzelnd sagt: ‚Die haben doch nie Zeit!‘

(W) Aber – Zeit, was ist das eigentlich?

Ein kleines Gedankenexperiment: Stellen wir uns einmal vor, es würde sich nichts bewegen. Kein Auto auf der Straße, keine Wolken am Himmel, keiner von uns hier. Die Uhrzeiger würden stehen, die Sonne am Himmel immer am gleichen Punkt.

Wir würden nicht merken, ob Zeit vergeht.
Ohne Veränderung gibt es keine Zeit.

In einem meiner Lieblingsfilme „Täglich grüßt das Murmeltier“ lebt die Hauptperson gefangen in einer Zeitschleife. Jeden Morgen wacht er um 6 Uhr durch seinen Wecker auf, immer mit dem gleichen Lied „I got you babe“ , immer am gleichen Tag, am 2.Februar. Was er auch macht, ob er den Tag normal verbringt oder das Murmeltier ermordet oder vom Kirchturm springt, immer um 6 Uhr morgens „I got. you babe“.
Eines Abends sitzt er mit zwei ziemlich angetrunkenen Kumpels am Tresen und klagt sein Leid: Jeden Tag dieselbe Leier, nichts Neues im Leben. Und was sagen die beiden: „Das ist bei uns schon immer so“.


Wenn sich in unserem Leben nichts wesentlich ändert, kann das Gefühl entstehen, die gelebte Zeit sei vertan – verschenkt. Dabei sehnen wir uns danach, dass unser Leben nicht nur einfach so verstreicht. Dass wir sagen können: Das habe ich  – heute – geschafft! Das war gut so. So macht mein Leben Sinn.

(D) Viele Menschen kennen einen solchen ‚Durst nach Leben‘, ‚Durst nach erfüllter Zeit‘.
Durst nach Leben.
Das meint: Ich möchte glücklich sein. Und gesund.
Möchte mit Menschen zusammen sein, die mir guttun.
Möchte Spaß haben.
Viele Menschen haben Durst nach Leben.

Die Bibel erzählt dazu folgende Geschichte:
Jesus sitzt am Brunnen. Er ist alleine, seine Freunde sind in den Ort gegangen, um etwas zu essen zu holen. Lange waren sie alle unterwegs gewesen.

Da kommt eine Frau mit einem Krug.
Sie schöpft Wasser.

Jesus sagt: „Gib mir bitte einen Schluck zu trinken! Ich habe Durst.“

„Nein“, sagt die Frau, „du bist ein Fremder, ich kenne dich gar nicht.“

Jesus sagt: „Ich gebe dir das Wasser des Lebens.“

Die Frau – überlegt:
„Wasser des Lebens?
Lebendiges Wasser, um den Durst nach Leben zu stillen.“

Sie schließt für einen Moment ihre Augen.
Vor sich hin gemurmelt:
War sie nicht gerade heute Morgen so traurig gewesen?
Hatte verzweifelt überlegt, mit wem sie reden könnte.
War vollkommen fertig gewesen, weil das Geld fehlte, um Brot für die kommenden Tage zu kaufen.

Lebendiges Wasser , um den Durst nach Leben zu stillen. Das wäre krass!
Lebendiges Wasser, das meinem Leben wieder Sinn gäbe, denkt sie.
Lebendiges Wasser, das meine Zeit zu etwas Sinnvollem macht.

„Das will ich haben“, sagt sie. „Lebendiges Wasser!“
„Ich laufe. Ich hole meine Nachbarn, damit wir alle davon trinken können.“

Und dann läuft sie los.

Der Moment am Brunnen – der hat etwas mit ihr gemacht.
Mit ihr und mit ihrer Zeit. Hat sie verändert und ihren Blick auf ihr Leben.

Diese Veränderung, dieses Neue im Leben macht aus verflossener Zeit geschenkte gute Lebenszeit. Ja, vielleicht kann man sagen:
Der Moment der Begegnung mit Jesus am Brunnen wird für die Frau zu einem Moment, in dem schon hier in diesem irdischen Leben etwas von der Ewigkeit aufleuchtet.

(W) Das musste nun doch wieder kommen –
Ewigkeit – dieses Wort, das im kirchlichen Raum dauernd, um nicht zu sagen ewig, benutzt wird und mich auf später, wenn ich tot bin, vertrösten will!

(D) Halt – hör auf zu schimpfen! Du hast mich nicht verstanden. Ich habe gemeint: Die Frau hat am Brunnen schon ein Stückchen von der Ewigkeit erlebt – hier im jetzigen Leben.
Sie hat einen Moment erlebt, in dem ihr Durst nach Leben, nach Glücklich-Sein, gestillt worden ist.

(W) Du meinst also, Ewigkeit passiert auch schon hier auf der Erde?

(D) Ja – ganz konkret:
Momente der Ewigkeit, die Durst nach Leben stillen:
Wo ein Mensch einem anderen zuhört –
Wo ein Mensch einen anderen nicht allein lässt –
Wo ein Mensch einem anderen hilft.

Und wo ein solcher ‚Ewigkeits-Moment‘ für immer in meinem Gedächtnis bleibt, wo er mir zum ‚Weiterleben‘ hilft.

(W) Also – bis jetzt habe ich immer gedacht: Ewigkeit – das ist einfach nur eine verdammt lange Zeit.
Ich erzähle Dir ein Beispiel:
Vor etwa zwei Jahren hatte ich eine Entzündung am Fuß, die operativ entfernt wurde. Ich fragte den Arzt, wie lange das braucht um wieder zu heilen. Er meinte nur lapidar: „Rechnen sie mal ziemlich lang, eine halbe Ewigkeit.“

Für jemand wie mich, der viele Semester Mathematik studiert hat,  wirft so eine Antwort Fragen über Fragen auf.
Habe ich doch gelernt: Streicht man von den unendlich vielen natürlichen Zahlen 1;2;3;4;5;6;usw jede Zweite weg, so bleiben noch unendlich viele ungerade Zahlen 1;3;5;usw übrig, obwohl man doch schon unendlich viele gerade Zahlen 2;4;6usw gestrichen hat.

Die Unendlichkeit wird durch halbieren nicht kleiner. Ewigkeit ist also etwas anderes als unendlich lange Zeit

(D) Dann unterscheidet sich Ewigkeit von unserer Zeit. Sie ist Gottes Zeit und kann jederzeit zu unserer Zeit werden. Wie bei der Frau am Brunnen. Ein Moment der ‚Gotteszeit‘ – eine ausgefüllte, verändernde und Neues schaffende Zeit. Was die Frau dort erlebt hat, bringt sie auf die Beine. Sie läuft los. Holt andere. Will diesen Moment mit anderen teilen.

(W) Also so: Ewigkeit ist schöpferische Zeit, vor und in und nach unserer Lebenszeit. Sie kennt keine Langeweile und keine Hektik. Sie ist die gute von Gott geschenkte Zeit für mich, ein Lebensmoment, in dem Himmel und Erde einander berühren.

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