Dialogpredigt in Ahrendsbök am 31.5.2021 zu Nikodemus (Joh 3)

Von Doro und Wolfgang

Doro: Wir hören den heutigen Predigttext aus dem Johannesevangelium im 3.Kapitel:Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden.

Wolfgang: Wenn ich Pharisäer höre, läuft mir schon das Wasser im Mund zusammen. Dieser leckere Kaffee mit Sahne und einem ordentlichen Schuss Rum. Als ich das Getränk zum erstenmal im kalten Winter an der See kennenlernte, war ich auch von diesem Namen fasziniert. Woher er denn kommt, fragte ich die Bedienung. Und sie erklärte mir, die Pharisäer wären verlogene Heuchler gewesen. Ich kenne doch sicher die Geschichte von dem Pharisäer, der öffentlich Gott dankt, dass er nicht so geldgierig ist wie die Zöllner. Damals war es verpöhnt, wenn Frauen in der Öffentlichkeit Alkohol tranken. Deshalb bestellten sie sich dann einen Kaffee mit Sahne und der Wirt sah an dem Augenzwinkern schon, dass er den Rum darunter verstecken sollte. Und so ein Pharisäer kam jetzt zu Jesus? Was wollte er denn von ihm?

Doro: Also noch mal von vorn: Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht

Wolfgang: Wieso bei Nacht, hatte er was zu verbergen?

Doro: Davon steht hier nichts, aber so ein angesehener Mensch wollte vielleicht nicht mit diesem herumziehenden Wanderprediger gesehen werden. Aber jetzt geht die Geschichte weiter: Nikodemus sagt zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott ist mit ihm.

Wolfgang: Ich dachte die Pharisäer waren verlogene Heuchler. Das hört sich jetzt aber ganz anders an. Er nennt Jesus einen Rabbi, einen Lehrer. Als wenn beide auf der gleichen Ebene miteinander diskutieren könnten. Was waren die Pharisäer denn nun wirklich?

Doro : Sie waren keine ausgebildeten Theologen und auch keine Priester, sondern einfache Leute, Handwerker, Händler, Bauern oder Hirten. Aber sie konnten im Gegensatz zu den meisten Menschen damals lesen und deshalb lasen sie in den Synagogen, also den Kirchen dieser Zeit die alten Schriften vor und versuchten ihre Bedeutung für die Gegenwart zu erklären.

Wolfgang : Dann war Jesus eigentlich ja auch Pharisäer, er hat doch bis zu seiner Taufe bei seinem Vater in der Werkstatt gearbeitet, konnte lesen und hat am Sabbat die alten Schriften in der Synagoge ausgelegt.

Doro : Ja im Prinzip war Jesus so etwas wie ein Pharisäer, aber nach der Taufe ist er ja als Wanderprediger durchs Land gezogen und er hat sich auch keiner der Gruppen der Pharisäer angeschlossen.

Wolfgang : Dann ist das schon etwas besonderes, wenn ein hoch angesehende Pharisäer wie Nikodemus anerkennt: Jesus ist von Gott gekommen. Das hat er sicher nicht zu vielen gesagt.

Doro : Aber lass mich doch die Geschichte weitererzählen: Nikodemus sagt zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott ist mit ihm. Jesus antwortete ihm

Wolfgang: Entschuldigung, dass ich dich noch mal unterbreche, aber wieso antwortet Jesus? Nikodemus hatte doch gar keine Frage gestellt. Er hatte doch nur gesagt, dass Gott mit Jesus ist. Wo ist da die Frage auf die Jesus antwortet?

Doro : Hör doch die Geschichte erst mal zu Ende: Jesus antwortete Nikodemus: Wirklich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.

Wolfgang : Langsam begreife ich. Die Frage steckte zwischen den Zeilen. In der Person Jesus selber. Denn Jesus hatte ja gepredigt, dass das Reich Gottes schon angebrochen sei. Jesus versucht also jetzt zu erklären, woher er denn weiß, dass das Reich Gottes schon angebrochen ist, während die meisten Juden noch auf diesen Anfang warteten. Während Nikodemus es aus den Zeichen und Wundern, die Jeus tat, erkannt hat, weist Jesus hingegen darauf hin, dass man neu geboren werden muss. So wie er in der Taufe durch Johannes auch, symbolhaft durch die von Gott kommende Taube, nicht nur mit Wasser getauft sondern auch mit Gottes Geist beschenkt wurde. Und wie das jetzt bei allen Menschen möglich ist, das will Nikodemus jetzt sicher wissen.

Doro : Genau, so geht die Geschichte weiter: Nikodemus fragt Jesus : Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in den Bauch seiner Mutter gehen und geboren werden?

Wolfgang : Nikodemus stellt sich also an eine Wiedergeburt vor, so ähnlich wie die Hindus in Indien. Jesus hatte aber doch von einer Neugeburt, einer ganz anderen als unserer ersten Geburt gesprochen.

Doro : Deshalb erklärt er es im folgenden Teil des Bibeltextes genauer. Jesus antwortete: Wirklich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren werden. Der Wind Gottes bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist.

Wolfgang : Deshalb haben viele Menschen, als sie sich zu Christus bekannt haben, einen neuen Namen bekommen. Das bekannteste Beispiel ist Saulus, der zu Paulus wurde. Als wenn hier ein ganz neuer Mensch entsteht. Aber ich frage mich: Ist das heute noch möglich? Und wie komme ich an diesen neuen Geist? Oder falls er schon da ist, woran erkenne ich ihn, wenn der Wind Gottes doch kommt und bläst, wohin er will?

Doro : Mit unseren Augen können wir das sicher nicht direkt sehen, aber an den Auswirkungen vielleicht erkennen. Gottes Geist bewirkt Frieden, Freude, Glück, Trost, Geborgenheit, Fürsorge. So eine Veränderung merkt man doch bei Menschen.

Wolfgang : Da fällt mir eine Geschichte aus Indien ein: In Indien lebte ein Mann, der schon als Junge erblindet war. Wie das damals dort und teilweise noch heute üblich ist, wurde für ihn eine Frau von der Familie ausgesucht. Da er ja vollständig blind war, suchte man keine Schönheit für ihn aus. Seine Frau galt schon als junges Mädchen als hässlich und wurde von allen Mitschülern und insbesondere von den Mädchen ausgelacht: „Du wirst nie einen Mann finden“. Sie war nicht nur pummelig, sondern hatte auch eine kaum fühlbare, aber deutlich sichtbare Narbe im Gesicht, was dadurch entstellt wirkte. Schon deshalb war sie nicht unglücklich, als von ihrer Familie ein Blinder als Mann für sie ausgesucht wurde. Aber die beiden verliebten sich ineinander. Sie war dem blinden Mann in vielen Ehejahren eine gute Frau. Sie war tatkräftig und fleißig und trug ganz viel zum Einkommen der Familie bei, zu der bald auch 2 Kinder zählten. Jahre später, als die Kinder bereits aus dem Haus waren, kam ein Arzt aus einem fernen Land in ihr Dorf. Er untersuchte den blinden Mann und bot an, durch eine Operation die Blindheit heilen zu können. Seine Frau erschrak, was würde er denken, wenn er sie jetzt zu sehen bekäme. Schon als Kind keine Schönheit, aber jetzt nach vielen arbeitsreichen Jahren alt und ausgemergelt und runzlig. Sie warnt ihren Mann vor der Operation, sie wäre viel zu gefährlich. Der Mann ist hin und her gerissen. Einerseits würde er gern wieder sehen, aber andererseits vertraut er den Worten seiner Frau. Er fragt einen alten indischen Guru um Rat. Der kennt die Frau und ahnt, dass die medizinischen Bedenken nur vorgeschoben sind. Er rät: Höre auf das, was dir dein Herz dir sagt.

Doro : Und das ist das Ende der Geschichte? Ich persönlich finde so etwas gemein. Ich will doch wissen, wie der Mann sich jetzt entschieden hat. Hat er sich operieren lassen? Und wenn, hat er seine Frau immer noch so lieb wie vorher, obwohl er jetzt weiß, dass ihm sein halbes Leben lang die Wahrheit vorenthalten wurde. Oder verlässt er sie deshalb, oder weil er sie so hässlich findet? Oder verlässt sie ihn vor Enttäuschung, weil er ihr nicht vertraut hatte? Oder vertraut er ihr, lässt sich nicht operieren und sie leben beide glücklich mit dieser Lüge bis an ihr Lebensende? Ich würde es zu gern wissen.

Wolfgang : Ich auch, aber leider war die Geschichte da zu Ende. Und der Rat des Guru hilft uns bei der Frage, wie die Geschichte endet, auch nicht ernsthaft weiter. Es ist sicher gut und richtig, auf sein Herz zu hören. Das was man sieht ist oft nur die Oberfläche. Aber auch manche Herzen sind versteinert und hart. Was der Mensch braucht ist ein von Gottes Geist durchströmtes Herz. Ein offenes freundliches gütiges Herz. Das ist das Herz von dem der schlaue Fuchs im Buch: Der kleine Prinz von Saint-Exupéry spricht. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Man sieht nur mit dem Herzen gut. Unsere Augen sehen oft nur das Schlechte, Gewalt, Krieg, Kathastrophen und Leid. Wen aber der Geist Gotttes durchströmt, der sieht, wo Frieden und Heilung, Rettung und Hoffnung ist.

Doro: Wenn man ein Herz hat, das offen für Gottes Geist ist, sieht man viel vom Anbruch des Reiches Gottes. Es sind oft unscheinbare Dinge, die große Veränderungen auslösen. Wie der Tag, als Frau Rosa Parks, eine farbige Arbeiterin aus Montgomery in Alabama sich erschöpft auf einen Busplatz setzte, der für Weiße reserviert war und damit die erfolgreichste Bürgerbewegung der USA auslöste. Oder Greta, die statt zur Schule zu gehen sich jeden Freitag vor das Stockholmer Parlament setzte um auf die Klimakrise hinzuweisen. Oder die Familie, die sich schon seit mehr als ein Jahrzehnt um ihre fast demente Großmutter kümmert. Oder der hochintelligente Schüler, der statt mit erhobener Nase durchs Schulgebäude zu laufen, nachmittags anderen, denen das Lernen schwer fällt, bei den Hausaufgaben hilft. Wer sein Herz für Gottes Geist öffnet, sieht manchmal schon den Himmel auf Erden.

Gottes Wort im Herzen Gottesdienst in Pansdorf am 11.10.2020 (Wolfgang)

Zirkus in der kleinen Stadt: Das ist was besonderes, alle Kinder kommen nach der Schule, staunen über die vielen großen Tiere, die Pferde, die Kamele, die Löwen im Käfig und und den großen Elefanten. Am nächsten Tag kommen sie wieder und sehen wie die großen Stangen vom Zelt aufgebaut werden, der Elefant schleppt die schweren Stangen heran, die Männer ziehen gemeinsam die Seile und die Plane, bis das Zelt steht. Hinterher wird der Elefant zu seinem Platz zurückgeführt und angekettet. Franz staunt, da ist nur ein ganz kleiner Holzpflock an der Elefant angekettet wird. Dieser starke Elefant könnte auch den Holzpflock spielend aus dem Boden reißen. Franz ist in im Alter wo er noch denkt, er kriegt von Erwachsenen eine vernünftige Antwort. „Warum habt ihr den an dem kleinen Flock angekettet, der kann euch da weglaufen.“ Die Antwort des Wärters: „ Das haben wir immer so gemacht.“ hilft ihm nicht wirklich. „Der ist nie weggelaufen warumsollen wir das anders machen.“ Franz denkt nach; Dieser starke Elefant, er schleppt die schweren Stangen und dann wird er mit einer kleinen Kette an einem Minipfahl angekettet. Das macht doch keinen Sinn.

(Kette mit Pfahl aufbauen)

Zwei Jahre später kommt der Zirkus noch mal in die Stadt. Diesmal sind zwei Elefanten dabei, der große und ein kleiner junger Elefant. Und der wird an einen dicken Pfahl angekettet. Der Wärter erklärt: „Das machen wir, damit er sich nicht los reißt und alles zertrampelt, er ist doch noch so wild und jung.“ „Ja aber der Größere könnte sich doch viel leichter losreißen.“ „Tut er aber nicht.“ Franz beginnt nachzudenken. Warum verhält sich der starke große Elefant so. Er hat sich in sein Schicksal ergeben. Nur der kleine Elefanten muss ernsthaft angebunden werden.

Franz merkt in dem großen Elefanten stecken Kräfte, von denen dieser nichts mehr weiß. Seine Erfahrungen haben ihn dazu gebracht zu glauben, sobald er an der Kette liegt, kann er nicht weglaufen. Jetzt merkt Franz, dass bei ihm etwas ähnliches passiert ist. Früher glaubte er noch alles zu können, alles bewegen zu können, alles verändern zu können. Heute ist er vorsichtig, heute traut er sich manches nicht mehr. Manchmal ist das ja gut wenn man sich nicht mehr alles traut, man wird achtsamer und das hat einen gewissen Schutz. Aber es engt auch unheimlich ein. Heute kommt er sich vor wie jemand, der gar nicht weiß,was er wirklich alles kann und sich nicht mehr traut Neues auszuprobieren.

(Kette mit gelben Tuch in der Mitte auf den Boden legen, außen schwarze Tücher)

Es gibt Zeiten, und das kennen sie vielleicht auch aus ihrem Leben, da läuft alles wie gewohnt, da muss man nicht groß nachdenken, da läuft alles in einem gewissen Trott. Da weiß man morgens schon , was der Tag bringt und fängt erst gar nicht an nachzudenken, was denn sonst noch passieren könnte oder was man selber noch anders machen könnte. Aber dann gibt Zeiten, da ist plötzlich alles anders da weiß man nicht mal ein und aus, da verändert sich so viel auf einmal. Man wird orientierungslos, fragt sich hin und her, was denn richtig und sinnvoll zu machen ist. Und das geht nicht nur einzelnen Menschen so, das gilt auch für die ganze Gesellschaft. Ich erinnere mich an die 50er 60er Jahre in den ich aufgewachsen bin. Bis kurz vor Ende der 60er hat sich ja kaum was verändert, die allgemeine Vorstellung: die Amerikaner sind unsere Freunde die Russen unsere Gegner, alles war politisch klar und der wirtschaftliche Aufschwung nahm alle voll in Beschlag. Und dann wie von einem Tag auf den anderen und kamen plötzlich die wilden 68er ,70er Jahre. Plötzlich wurde alles in Frage gestellt, die Werte veränderten sich. Die Amerikaner zerbombten Vietnam und waren nicht mehr uneingeschränkt unsere Freunde. Die Wirtschaft kam ims stocken, Arbeitslosigkeit stieg an. Homosexualität, bis dahin gesetzlich verboten wurde gesellschaftsfähig. Und zu all dem musste sich dazu positionieren, selbst wenn man nicht selbst betroffen war.

Ich kann mir vorstellen, dass viele von uns die jetzige Situation so ähnlich empfinden. Durch die Corona Pandemie hat sich vieles verändert, was vorher selbstverständlich war. Selbstverständlich waren Familientreffen, selbstverständlich war das man an seine Alten besuchen konnte, selbstverständlich war dass man reisen konnte, selbstverständlich war, dass man feiern konnte mit wem man wollte. Das alles ist nicht mehr selbstverständlich und wir wissen nicht für wie lange. Ich bin ja so ein bisschen Statistiker und habe ausgerechnet, wenn wir weiter die niedrige Ansteckungsrate so haben wir hier im Norden wird uns die Pandemie noch viele Jahre beschäftigen.

Viele Menschen fordern deshalb auch schon eine ganz andere Moral, ein ganz anderes Umgehen miteinander, ein neues Denken. Viele sagen die Krise könnte uns etwas lehren, es könnte sozusagen ein Fingerzeig sein in welche Richtung wir uns bewegen müssen. Dass wir nicht überall auf der Welt rumreisen müssen dass das Schöne manchmal vor der Haustür liegt. Das in kleinen Treffen von wenigen Menschen manchmal mehr passiert und intensiverer Austausch stattfindet als in großen Ansammlungen von Menschen, die alle dasselbe konsumieren.

Unser heutiger Bibeltext legt hingegen nahe, auf das zu achten, was uns gegeben wurde und bereits in uns liegt.

5. Mose 11 Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. 12 Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? 13 Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? 14 Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.

Unser Bibeltext entstand in so einer Zeit, als alles sich veränderte. Die Menschen waren aus Babylonien zurückgekehrt und kamen in ein Land, dass ihnen fremd war. So vielleicht wie viele nach dem Krieg nach Westdeutschland, die aus dem Osten geflohen sind. Sie kamen in ein Land, das sie kaum kannten. Sie wurden nicht mit offenen Armen aufgenommen. Und so erlebten es die Rückkehrer aus Babylon auch. Es gab keinen Tempel, es gab keine Priester, die Religion war weg, die Kultur hatte sich verändert. Denn unter persischen Einfluss war nichts so wie früher, man konnte an nichts anknüpfen und war doch zurückgekehrt in dem Glauben und in der Hoffnung mal würde in das gelobte Land kommen. Nun kommt man in ein fremdes Land. Viele haben sicher damals auch geglaubt, es wäre nötig alles Neu zu denken und sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Neue Regeln für das Zusammenleben aufzustellen! Neue Gottesbilder zu entwerfen. Ganz anders von Gott zu reden als bisher. Vielleicht sogar einen neuen Gott anzubeten.

Aber die Juden hatten in Babylon das wichtigste bewahrt: die Thora, die alten Geschichten vom Auszug aus Ägypten, von Abraham von Moses und man hatte an jedem Sabbat sich diese Geschichten immer wieder erzählt. Man hat erlebt, man braucht keinen Tempel um Gott zu verehren. Man war jahrelang ohne Tempel und Priester ausgekommen, jahrzehntelang.

Unser Text wollte den Juden damals Mut machen. Sie hatten die Worte der Thora: „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst“ jahrelang im Exil bewahrt. Eine bewährte Regel für jeden Menschen als Orientierung. Sie brauchen keine neuen Gottesbilder, sie brauchen erst recht keinen neuen Gott, keine neuen Regeln, keine neue Kultur. Alles was sie brauchen hat Gott längst ihr Herz gelegt. Mit dem was sie mitbringen ist alles da in ihren Herzen.

Und heute? Auch wir wissen was richtig ist, wir wissen was gerecht ist, wir wissen was gut ist. Wir brauchen keine neuen Gottesbilder und erst recht keinen neuen Gott. Ich denke es ist doch heute so, alles was jetzt zu tun ist, wissen wir längs.Wir brauchen keine neue Moral, wir müssen das, was längst bekannt ist nur umsetzen. War die Erkenntnis, dass man nicht überall hin reisen muss, sondern das Schöne oft vor der Tür liegt denn vor Corona nicht auch richtig? War der intensive Austausch in kleinen Gruppen nicht auch vor Corona wertvoller als der Genuss von Massenveranstaltungen?

Heute wissen wir um die Not der Flüchtlinge, sie nehmen den Tod im Mittelmeer in Kauf. Sie leben in Lagern und nehmen das alles auf sich in der Hoffnung auf ein besseres Leben, was ihr hier in der EU verwehrt wird. Wir sehen dass sie unseren Schutz und unsere Hilfe benötigen.

Heute wissen wir, dass das Klima immer wärmer wird und kennen unseren CO2 Ausstoß und trotzdem reduzieren wie ihn so langsam, dass kaum etwas davon merkbar ist. Wir brauchen keine neue Moral, sondern nur das tun, was unser Herz uns sagt.

Und bezogen auf die Corona- Debatte: wir verdanken der Reformation eine Gotteserkenntnis, die uns davor bewahrt hat Corona als Strafe Gottes zu denken. Im ausgehenden Mittelalter hat man Passionsspiele begonnen, um Gott umzustimmen, als die Pest ausbrach. Heute suchen wir eher nach einem Impfstoff und nach gemeinsamen Regeln, um die die Pandemie einzudämmen. Luther hat immer wieder die Freiheit des Christenmenschen in den Mittelpunkt gestellt. Aber sie endet logischerweise dort, wo sie anderen Menschen schadet und sie gefährdet. Ich staune, wie gerade die Kirchen nach sturen Regeln arbeiten, statt sich auf das verantwortunsvolle Handel ihrer Mitglieder zu verlassen. Ich habe Gottesdienste in großen Räumen für mehr als 100 Personen erlebt, wo 4 Menschen saßen, die laut Landesgesetz nicht singen durften. Unsere Gottesdienste als Großveranstaltungen darzustellen grenzt in den meisten Gemeinden an anmaßende Übertreibung. Mir graut vor Weihnachtsgottesdiensten , an denen man Menschen an der Tür abweist: Kirche voll. Oder schlimmer noch reserviert für häufige Gottesdienstbesucher, wie es Frau Schwaetzer, Präses der EKD angedacht hat. Dann lieber draußen im Wald vor einer großen Tanne mit einer liebevoll gebauten Krippe und warmen Getränken, aber offen für alle.

Aber warum meinen manche Menschen, ohne Mundschutz in großen Gruppen zusammen kommen zu können? Denken sie nicht nach über die Gefahren für ihre Mitmensche. Hat Gott vielleicht doch nicht seine guten Regeln in alle Herzen gelegt? Das deutsche Sprichwort: „Was du nicht willst das man dir tu, das füge keinem anderen zu“ oder besser noch die positive Fassung davon aus der Bergpredigt:“Was du willst das man dir tu, das füge deinem Nächsten zu“ ist eigentlich für jeden Menschen einleuchtend. Zumindest wenn er den ersten Satz der Verfassung der USA akzeptiert: „All men are created equal“-“Alle Menschen sind mit gleicher Würde erschaffen“, denn dann steht logischerweise alles, was ich erhoffe auch allen anderen zu. Aber seit man sich nicht mehr sicher ist, ob selbst der Präsident der USA noch seine Verfassung kennt, staunt man nur, wie so einfache Regeln, die von Menschen aller Religionen und aller Regionen dieser Welt anerkannt werden, für einige scheinbar nicht mehr gelten

Vielleicht ist manches Gute im Herzen nur verschüttet. Durch die Ketten unserer negativen Erfahrungen. Durch grausame Erfahrungen in der Kindheit. Durch schlechte Vorbilder. Durch schwere Entbehrungen und Verluste. Aber auch durch die Medienflut, der man heute ausgesetzt ist und die einem die Auswahl schwer macht. Meist können wir unsere Ketten nicht selber aufbrechen. Aber manchmal dringt etwas von außen ein, ein Wort, ein Erlebnis, ein hilfreicher Mensch, ein Spiegelbild in den Wolken. Dann kann sich die Kette verbiegen und etwas von unserem Ursprung, was verschüttet war, kommt wieder zum Vorschein.

(gelbes Tuch unter eingedrückter Kette hervorziehen über das schwarze Tuch)

Eine kleine Geschichte kann das verdeutlichen:

Ein alter Indianer saß mit seinem Enkel am Lagerfeuer. Es war bereits dunkel geworden und das Feuer knisterte, während Flammen in den Himmel züngelten. Der Alte sagte nach einer Zeit des Schweigens: “Weißt du mein Enkel, wie ich mich manchmal fühle? Es ist als ob zwei Wölfe in meinem Herzen gegeneinander kämpfen. Einer der beiden ist grimmig und zornig und hoffnungslos. Der andere hingegen ist freundlich, motiviert und optimistisch.“ Der Junge lauschte gespannt. Nach einer Weile des Schweigens fragte er nachdenklich: “Und welcher der beiden wird den Kampf gewinnen?“ Es verstrich ein Moment der Stille. Dann erwiderte der Alte: „Der Wolf, den ich am meisten füttere“.

Und vielleicht sollten wir uns alle öfter mal fragen: „Womit kann ich den guten Wolf füttern? Oder auch – wie kann ich den grimmigen Wolf aushungern“

Wer offen für Gottes Wort ist, füttert sicher den richtigen Wolf.

Predigt am 6.9.2020 in Cismar „Streit in der Gemeinde“ Apostelgeschichte 6 (Wolfgang)

Anspiel : Gemeindeversammlung 2020

A: So kann es doch nicht weitergehen. In unserer Gemeinde liegt alles brach wegen Corona jetzt natürlich besonders, aber das war doch vorher schon so. Wo sind die jungen Leute? Was bieten wir ihnen an? Unser musikalisches Angebot – unsere Chöre – bis zu Corona lief das ja ganz gut – aber jetzt?! Wie soll es weitergehen?

B: Ich gebe dir ja recht. Es müsste etwas passieren, aber was sollen wir denn machen? In unsere Gottesdienste kommen hauptsächlich nur ältere Menschen, die gefährdet sind von Corona, wir können die doch nicht weiteren Gefahren aussetzen. Wir müssen die Abstand-Regeln einhalten den Mundschutz aufsetzen, wir können auch große Chöre nicht mehr veranstalten.

A: Ja gut – aber dann lass uns doch was Neues überlegen – lass uns vielleicht mit den Jugendlichen anfangen – bei denen ist die Gefahr von Corona ja nicht so groß. Vielleicht könnte man da doch etwas aufbauen – gerade jetzt, wo die Jugendlichen sich nach Kontakten sehnen und keine Veranstaltungen stattfinden, die sie besuchen können. Da könnte die Kirche doch etwas anbieten.

B: Aber wer soll das denn machen? Wir fordern doch schon lange einen Jugenddiakon, der sich dafür einsetzt. Aber woher soll das Geld kommen?

A: Wenn das Geld immer nur für Reparaturen und Erhaltungsaufgaben und Friedhöfe ausgegeben wird, dann fehlt es natürlich da, wo es nötig ist. Wir brauchen dringend Geld für die Kinder und -Jugendarbeit.

B: Ach – darum geht’s dir, es geht dir gar nicht wirklich um unsere Gemeinde.

A: Doch – sehr wohl – die Jugendlichen sind doch auch unsere Gemeinde und unsere Kinder sind doch die Zukunft unserer Gemeinde.

B: Aber damit können wir das Geld uns ja trotzdem nicht aus den Rippen schneiden.

A: Immer wenn’s um Geld für was Neues geht, ist plötzlich kein Cent mehr da, aber wenn irgendwas Altes erhalten werden muss und sei es unsere Denkmäler und Friedhöfe und Kirchen – dafür ist immer Geld. Ich verstehe es nicht -irgendwo ist da was falsch im System.

B: Willst du das übernehmen und Geld dafür sammeln?

A: Nein – ich weiß ja auch nicht, woher weitere Gelder kommen könnten. Die Kirchensteuern brechen immer weiter weg, die Einnahmen der Gemeinde werden wahrscheinlich dauerhaft noch in den nächsten Jahren kleiner werden und die Kirchenaustritte zunehmen. Aber wenn wir das so weiterlaufen lassen, wird es nur schlimmer. Wir müssen doch irgendwo ansetzen.


Vielleicht sollten wir nicht über das leidige Geld reden, sondern endlich mal darüber, was wir denn an Konzepten haben.

B: Was für ein Konzept für Jugendarbeit ist denn heute z.B. noch interessant, wo durch die Ganztagsschule die Zeit der Kinder und Jugendlichen doch völlig eingeschränkt ist.

A: Was für Ideen gibt es, andere Gottesdienstformen zu finden?
Gottesdienste am Strand, Gottesdienste, in denen Musik ein starkes Gewicht haben – so, wie wir das schon immer mal versuchen.

B: Ja – wir erreichen immer mal wieder einige. Ab und zu sind einige Kurgäste da – aber davon kann man keine Gemeinde aufbauen.

A: PredigtVielleicht sollten wir mehr zu dem Menschen gehen und nicht immer erwarten, dass sie zu uns kommen.

Predigt 

Das schöne an unserem heutigen Bibeltext: Man braucht kein theologisches Wörterbuch um ihn zu verstehen:

Apostelgeschichte 6

1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. 2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen. 3 Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst. 4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. 5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia. 6 Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf. 7 Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem.

Die erste Gemeinde in Jerusalem war schon ein seltsamer Haufen. Die Freunde von Jesus, die sich Pfingsten versammelten, waren Handwerker, Fischer und einfache Leute aus dem Volk.
Aber schon kurz nach dem Pfingstereignis kamen Menschen aus Jerusalem zur Gemeinde, die sich von denen, die zum Freundeskreis von Jesus gehörten, doch sehr unterschieden. So kamen jetzt zunehmend Kaufleute, reichere Menschen, Menschen aus der Stadtverwaltung und sogar einige Priester zur Gemeinde dazu. In einer Großstadt leben halt andere Menschen als in Galiläa auf dem Land.

Die Gemeinde bestand also aus zwei sehr unterschiedlichen Teilen. Da waren einerseits die Freunde aus Galiläa, die mit Jesus nach Jerusalem gezogen waren. Sie sprachen aramäisch oder hebräisch. Viele konnten wahrscheinlich kein Griechisch, damals die Kultur- und Weltsprache. Und erst recht kein römisch, was damals die offizielle Amtssprache war.

Und auf der anderen Seite diejenigen Juden, die in der Bibel als griechische Juden bezeichnet werden, also Menschen, die im griechischen Kultur- und Gedankengut aufgewachsen waren. Für sie war griechisch und vielleicht auch römisch die Standardsprache. Die hebräische Bibel kannten sie vielleicht sogar nur in der Übersetzung im griechischen und noch gar nicht mal im Originaltext.

Es gab also zwei markante Unterschiede:
einmal einen würde heute sagen soziologischen Unterschied zwischen reich und arm, zwischen gebildet und ungebildet, zwischen Stadtmenschen und Landbevölkerung, zwischen bedeutsam und aufgewachsen in Jerusalem und fremd in dieser Stadt.
Und es gab einen Unterschied in der Sprache: im aramäisch oder hebräischen Kulturkreis aufgewachsen und zu Hause oder im griechisch-römischen Kultur und Gedankenkreis aufgewachsen.

Und man kann sich vorstellen dass ich das immer weiter verschob, denn wer kam nach Jerusalem: Doch hauptsächlich Händler und Leute, die mit den römischen Behörden vielleicht etwas zu regeln hatten. Sicher auch ein paar Bauern, die die Märkte belieferten, aber im Wesentlichen kamen wohl gerade mehr griechisch sprechende Christen dazu und weniger jüdisch sprechende.



Am Anfang der Apostelgeschichte bei Lukas wird über die erste Gemeinde berichtet: Sie waren alle ein Herz und eine Seele und teilten alles, was sie hatten. Aber schon in den ersten Jahren scheint sich das sehr geändert zu haben. Und wir kennen das: Der Streit bricht zuerst da los, wo es ums Geld geht.

Luther übersetzt hier so treffend: Es erhob sich ein Murren.

Man ging also nicht direkt zu Petrus und beschwerte sich. Man forderte nicht, dass einer griechischen Witwe genauso viel zustand wie einer jüdischen, sondern man ‚murrte‘:

Es ging das übliche Getratsche in der Gemeinde los.

So stell ich mir das vor: „Hat nicht Frau Zachäus viel mehr Geld bekommen?“ „Ja ich habe gehört, dass Frau Timotheus und ihr Sohn viel weniger bekommen haben als ihr Mann gestorben war.“
„So läuft es hier immer: die Freunde der Apostel werden bevorzugt, aber man traut sich ja gar nicht, sowas laut zu sagen.“
“ Wir griechischen Anhänger von Jesus werden immer benachteiligt, einige haben noch nie Unterstützung bekommen.“

Und irgendwann muss dieses Murren ja dann doch wohl bis zu den Aposteln vorgedrungen sein – also bis zu den 12 Freunden von Jesus. Und die reagieren darauf, wie man das sinnvollerweise macht.
Man ruft eine Versammlung aller Personen zusammen. Damals waren es wahrscheinlich noch nicht so viele – sie scheinen noch in ein Haus gepasst zu haben oder in einem Saal.
Und dann versucht man und die Sache gemeinsam zu regeln.

Und wie es scheint, war das Murren nicht unberechtigt, denn das Ergebnis zeigt, dass gerade griechische Männer gewählt wurden um die Ungerechtigkeit auszugleichen.

Aber statt das offen zuzugeben, begründen die Apostel ihre Entscheidung völlig anders. Nämlich damit, dass sie sich nicht um die kleinlichen Dinge wie Geld kümmern wollten, sondern um das Wort Gottes, direkt also die Predigt um die Lehre.

Für die Versorgung der Witwen und Waisen, also die Diakonie würden wir heute sagen, werden andere Menschen bestellt.

Diese Arbeitsteilung hat ja eine gewisse Logik: die Apostel waren diejenigen, die Jesus noch persönlich gekannt haben. Die griechisch sprechenden Menschen in der Gemeinde werden Jesus vielleicht gerade vor seinem Tode noch kennengelernt haben, aber die meisten ihn gar nicht gekannt haben.
Deshalb war es sicher sinnvoll, dass die Apostel sich um die Lehre und die Predigt kümmerten, und es war eine große Geste, dass man dem griechischen Teil der Gemeinde zugestand, für die diakonischen Belange zu sorgen und so die vorhandenen Ungerechtigkeiten auszugleichen.

Wann wird bei dieser Entscheidung daran erinnert, dass Jesus so etwas ähnliches gefordert hat:
In der Bergpredigt sagt er:“ Wirst du von jemand genötigt eine Meile mitzugehen, dann gehe gleich zwei Meilen mit.“

Ob es ob es dabei darum geht, demjenigen beim Tragen zu helfen oder ihn auf dem Weg zu beschützen, wissen wir nicht – vielleicht beides – aber auf jeden Fall geht es darum, etwas mehr zu geben als gefordert.

Und genau das passiert hier: Indem eben nicht ein Gremium, was paritätisch besetzt ist mit jüdisch sprechenden und griechisch sprechenden Christen, sondern eben gerade 7 griechische Christen damit beauftragt werden, für die diakonischen Belange zu sorgen.

Diese Arbeitsteilung scheint aber schon bald anders zu funktionieren, als geplant. Der erste Diakon Stephanus fängt sofort an, vor griechischen Juden zu predigen und weist ihnen sehr überzeugend nach, das Jesus der von Gott gesandte Messias ist. Und der griechisch sprechende Teil der Gemeinde wächst unübersehbar, während der jüdische Teil immer unbedeutender wird.
Für Lukas ist das alles ein deutlicher Beweis, dass diese Entscheidung gut war, die Gemeinde wächst und breitet sich von Jerusalem in den nächsten Jahren im ganzen griechischen Kulturkreis aus.


Nachspiel


Aber was ist, wenn wir auf diese Entscheidung aus heutiger Sicht blicken. Dazu habe ich Herrn Lukas auf der Terrasse von Wolke 13 im Himmel interviewt.

Reporter: Guten Morgen Herr Lukas. Schön haben Sie es hier oben. Sie haben uns damals die Geschichten der ersten Apostel aufgeschrieben. Herr Lukas, wenn sie heute überdenken, was sie damals über die Auseinandersetzung zwischen den hebräischen Christen und den griechischen Christen geschrieben haben, war das doch nicht etwas zu positiv dargestellt?

Lukas: Ja – ich bitte Sie – haben sie doch etwas Nachsicht, damals war die Sache schon fast 40 Jahre her. Ich wollte eigentlich nur meinem Freund Timotheus erzählen was damals passiert ist und habe es aufgeschrieben. Hätte ich gewusst, dass dies später der einzige Bericht über diese Zeit sein wird und 600 Millionen Christen auf keine andere Quellen zurückgreifen können, dann hätte ich mich vielleicht doch noch etwas genauer informiert.
Aber es war ja schwierig, ich bin ja im griechischen Kulturkreis aufgewachsen, ich kannte kaum einen von denen, die sich hebräische Christen nannten.

Reporter: Und trotzdem, war es nicht schon erkennbar, dass dadurch sich die Gemeinde stark verändern würde?

Lukas: Ich war doch kein objektiver Berichterstatter sondern auch selber betroffen. Ohne das Ergebnis, nämlich ohne dass das Christentum in dem griechischen Kulturkreis vorgedrungen wäre, hätte ich ja wahrscheinlich nie etwas von Jesus erfahren. Ich verdanke doch mein Leben dem, was damals geschehen ist. Da kann man nie nur objektiver Berichterstatter bleiben. Haben Sie Verständnis, dass ich es damals ganz positiv aufnahm. Es war eine gute Entscheidung die getroffen wurde. Die benachteiligten wurden unterstützt. Und es war eine gute Entwicklung, weil das Christentum dadurch in die ganze Welt in die ganze griechisch sprechende Welt getragen werden konnte.

Reporter: Und aus heutiger Sicht, wie sehen sie es, dass es kaum noch Juden gibt, die sich zu Jesus Christus bekennen und der eine Teil der damaligen Gemeinde praktisch bedeutungslos geworden ist?

Lukas: Wenn ich geahnt hätte, dass mit dem Siegeszug des Christentums unter Kaiser Konstantin das Verbot des jüdischen Glaubens und danach die Verfolgungen der Juden begonnen hätten, hätte ich das sicher anders gesehen. Denn wenn es zu dieser Zeit noch so bedeutsame Gemeinden, wie die von Jakobus, dem Bruder von Jesus geleitete jüdisch-christliche Gemeinde in Jerusalem gegeben hätte, wäre ein Verbot des jüdischen Glaubens kaum vorstellbar gewesen.

Reporter: In den christlichen Glaubensbekenntnissen kommen Abraham, Moses, David und die Propheten nicht vor. War das nicht auch eine Auswirkung der damaligen Ereignisse?

Lukas: Die christlichen Glaubensbekenntnisse wurden für den griechischen Kulturkreis formuliert. Die christlichen Juden können damit sicher wenig anfangen und merken, dass ihnen ein Teil ihrer Glaubensgeschichte vorenthalten wird, nämlich der Sinaibund Gottes mit seinem Volk.

Reporter: Auch die Trennung von Lehre und Diakonie geht auf die damalige Entscheidung zurück. War das immer sinnvoll?

Lukas: Nein, im Rückblick auf fast 2000 Jahre Kirchengeschichte muss man erkennen, dass der Umgang mit Geld zum Kern der Lehre gezählt werden muss und nicht unabhängig davon bleiben darf. Eine Diakonie, die nur die Versorgung der Menschen und nicht ihr gesamtes Heil im Blick hat, verfehlt ihr christliches Anliegen. Damals war es wichtig, die Benachteiligten zu unterstützen, aber die Strukturreform, die damals begann, war kein guter Weg. In meinem Evangelium habe ich deshalb damals die Geschichte vom barmherzigen Samariter und die von Maria und Martha direkt hintereinander gebracht. Gottes Wort hören und tun gehören immer direkt zusammen.

Reporter: Herr Lukas, was würden Sie uns denn heute für unsere Streitfragen in der Kirche empfehlen?

Lukas: Gerechtigkeit schaffen und Notdürftige zu unterstützen ist sicher richtig  und notwendig, aber bei Strukturreformen sollte man genau hinsehen: Sie wirken sich vielleicht noch in 100 oder 1000 Jahren aus und man sollte dringend versuchen die Probleme aus allen verschiedenen Richtungen zu betrachten und die Auswirkungen für alle Gruppen von Menschen auf dieser Welt in den Blick zu nehmen.

Reporter: Herr Lukas, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Und der Friede Gottes, der höher ist als es unser Verstand begreift, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Purim-Gott rettet sein Volk Predigt 5.7.2020 in Cismar (Wolfgang)

Die Geschichte, die ich Ihnen heute erzählen möchte kommt uns allen fast zu bekannt vor: Es gab den großen Plan, alle Juden sollten getötet werden. Und nicht nur in einer Stadt, sondern im ganzen großen Reich.Und damit die Juden keinen Verdacht schöpfen können wurde der Plan geheim gehalten. Der Tag an dem dies geschehen würde wurde keinem bekannt gemacht, man wollte den Tag kurzfristig durch das Los bestimmen, um die Juden in Sicherheit zu wiegen.

Wir ahnen schon, was jetzt geschah. Wieder einer von den vielfältigen Versuchen, Gottes Volk auszurotten. Wie es in der Geschichte immer wieder passierte, zuerst versklavt von den Ägyptern um ihre Arbeitskraft auszubeuten, dann vertrieben in die babylonische Gefangenschaft um ihr erstes Reich zu zerstören, dann als sie Autonomie von der römischen Besatzung vergeblich erkämpften im ganzen römischen Reich verteilt, viele wieder jetzt als römische Sklaven. Und dann im Mittelalter, als die christlichen Kreuzritter Rache für den Tod Jesu nehmen wollten, für den sie die Juden verantwortlich machten, obwohl doch die Römer das Todesurteil aussprachen. Und zur Zeiten der Pest, als man Juden tötete, weil man ihnen vorwarf die Brunnen zu vergiften – nicht wissend das die Pest in den jüdischen Gettos nur deshalb weniger wütete, weil dort die hygenischen Verhälntnisse besser waren. Im katholischen Spanien erdosselte die christliche Inquisition die Juden, wenn sie nicht schon vorher aus dem Land vertrieben waren. Was Luther Schlimmes über die Juden gesagt hat, war hier in Deutschland der Nährboden für den wachsenden Antisemitismus, gerade im Bereich der evangelischen Kirchen. Aber auch in der Zeit der Aufklärung gab es die Anfeindungen, denen die wenigen Juden sich gegenübersahen, die zu Wohlstand und Reichtum gekommen waren – plötzlich waren alle Juden in den Augen der Welt Schmarotzer und Betrüger, die den anderen das Geld aus der Tasche zogen. Der deutsche Nationalismus hatte von Anfang an immer wieder antisemitische Züge, die dann im Rassenwahn der Nazis endeten, als man versuchte eine minderwertige jüdische Rasse zu definieren. Der Holocaust war die Folge. Aber noch vor wenigen Wochen versucht ein rechter nationalistischer antisemitischer Spinner in Halle die Juden beim Gebet in der Synagoge zu ermorden – von vielen rechten Gruppierungen im Land bejubelt. Antisemitismus hat viele Gesichter, richtet sich manchmal gegen einzelne Juden, oft aber auch gegen die Religion der Juden oder ihren Versuch einen Staat aufzubauen. Und oft ist Unkenntnis über die uns manchmal seltsam anmutenden Gebräuche und Riten die Ursache.

In der Geschichte, die ich Ihnen heute erzähle ist alles anders. Sie passierte im Reich der Perser, lange vor Christi geburt. Damals ging der Plan nicht auf . Damals ging es gut aus. Alle Juden wurden gerettet. Man mag es kaum glauben. Und das weil zwei mutige Menschen das fast Unmögliche versuchten – die Maschinerie des Todes aufzuhalten. Und wie zum Trotz feiern heute die Juden in aller Welt jedes Jahr das Purimfest, also das Fest des Loses, das damals nicht gezogen wurde

Da sind zuerst die 4 Hauptpersonen in diesem Drama : Xerxes der Erste, Herrscher über das Perserreich, das damals von Indien bis Griechenland und vom Schwarzen Meer bis zum Roren Meer reichte. Haman, sein oberster Verwaltungschef, der die Juden ermorden wollte. Mardochai, ein Jude, der den König früher vor einem Anschlag bewahrt hatte. Und die Hauptperson: Ester, eine elternlos aufgewachsene jüdische Pflegetochter von Mardochai, die, als der König seine Ehefrau nicht mehr anerkannte, zu einer seiner bevorzugten Geliebten wurde.

Der Ort des Dramas : Susa, im heutugen Iran, nahe der Grenze zum Irak.

Die Zeit . Ungefähr 500 Jahre vor Christus

Warum der Verwalter Haman alle Juden umbringen wollte, erzählt das Buch Ester im alten Testament nicht, aber wahrscheinlich wollte er und seine politischen Freunde sich bereichern, möglicherweise fürchten sie sich auch vor der fremden Kultur und Religion, die überall im Land an Bedeutung gewann.

Hamans Plan wäre sicher aufgegangen, wenn nicht Mardochai über Ester davon erfahren hätte. Mardochai stellt sich demonstrativ gekleidet in einem Sack vor den Palast, ohne dem König die angemessene Ehre zu geben und fastet dort viele Tage. Als Ester davon erfährt, beschließt sie einzugreifen, obwohl sie sich dadurch auch selber gefährdete. Denn es war allen verboten selber zum König zu gehen, wenn der es nicht angeordnet hatte, nicht mal seine Frauen. Sie geht trotzdem zum König und bittet ihn und Haman zu einem Festmahl in ihren Gemächern. Und der König lässt sich darauf ein. Bei dem Essen, nach mehrern Gläsern Wein, verspricht ihr der König jeden Wunsch zu erfüllen, und sei es das halbe Königreich. Sie aber bittet den König nur zu einem weiteren Festmahl zusammen mit Haman zu kommen, wo sie ihm ihre Bitte vortragen würde. Über Hamans Plan schweigt sie und der fühlt sich danach schon völlig sicher, dass sein Plan aufgeht. Und weil er so sicher ist lässt er schon für Mardochai, der immer noch in seinem Sack vor dem Tor des Königs fastet, einen Galgen errichten. Bei dem zweiten Festmahl erinnert Ester den König daran, dass Mardochai ihn früher vor einem geplanten Attentat gerettet hat. Sie verrät dem König den geheimen Plan des Haman und auch, dass Haman bereits für Mardochai einen Galgen aufgestellt hat. Und sie bittet, Haman zu entlassen, und um das Leben der Juden im Reich. Der König ist so erzürnt, das er nicht nur Haman als Verwalter entlässt, sondern ihn am Galgen, der für Mardochai errichtet wurde aufhängen lässt. Und der König verfügt, dass alle Juden sicher in seinem Reich leben sollen.

Und bis heute wird deshalb Purim jedes Jahr gefeiert. Und wie! Wenn Juden feiern dann auch so gründlich, wie man es sonst eher von jüdischen Hochzeiten kennt. Wie ein kleines Video des Südwestfunks aus Tel Aviv zeigt.

Die Ähnlichkeit mit Fröhlichkeit im rheinischen Karneval ist schon verblüffend, dort weiß ja auch nur noch selten jemand, dass Karneval die letzten Tage vor der Fastenzeit als Erinnrung an die Passion Jesu sind. Und so witzige Ritale wie das Ausbuhen des Haman in der Synagoge wünsche ich mir manchmal in unseren so trockenen Gottesdiensten.

Für uns heißt das aber auch: Obwohl es Antisemitismus immer wieder geben wird, es gibt auch ein freies Leben für das Volk Gottes. So wie in Davids Großreich, unter Xerxes in Persien, im Spanien der islamisch-maurischen Zeit oder heute in USA, Israel und erfreulicherweise gerade in Berlin.

Und bei aller Kritik an der Politik des jüdischen Staates bleibt für uns Christen die Pflicht Gottes Volk auf der Erde zu schützen, wo immer es bedroht wird. Und imer dort widersprechen, wo Juden pauschal abgewertet oder ausgegrenzt werden. Verrückte Antisemiten wird es wohl immer geben, aber ihre Ideologie darf nie wieder wie im Nazideutschland oder im heutigen Iran zur Staatdoktrin werden.

Und die Geschichte kann uns Mut machen, gewaltfreie Aktionen, wie die Fastenaktion von Mardochai, können einen unheilvollen Verlauf stoppen. Sie erinnert an ähnliche erfolgreiche Aktionen von Gandis oder von Martin Luther King. Und auch Ester, die durch kluges Geschick im Einsatz aller zur Verfügung stehenden Mittel, wahrscheinlich auch gerade iherer erotischen Anziehungskraft, den König auf ihre Seite zieht, um ihr Volk zu retten.

Aber mir geht es so: Ich frage mich dann immer, ist die Ester-Geschichte nicht vielleicht nur ein Märchen aus alter Zeit, um die verfolgten Juden zu trösten. Vor 3 Wochen fand ich zufällig in der Zeitschrift GEO-Wissen ein Bericht der 82-jährigen Jüdin Tanja Dreifuss, der beschreibt, dass gerade das Undenkbare manchmal bei Gott möglich wird. Freu Brand liest Ihnen den Bericht vor:

Da bleibt mir nur Amen zu sagen.

„Jesu Verwandschaft“ Predigt Markus 3 ;31-35 22.9.2019 in Cismar (Wolfgang)

(Predigt in Arbeitsschürze und mit Säge und Hobel)

Also ich muss immer sagen, ich muss Ihnen etwas erzählen, ich hab mich fürchterlich aufgeregt gestern und ich kann mich immer noch nicht beruhigen. Ja was meine Frau da gestern erzählt hat. Mein ältester Sohn war ja immer etwas seltsam. Aber so was, das hab ich mir nicht vorstellen können. Ach sie wissen gar nicht, worum es geht.

Ich glaube ich fange mal vorne an. Also da war meine Frau, sie wollte ja ihren Sohn besuchen. Sie wollen endlich mal wissen, wie’s ihm geht. Da sie nicht alleine reisen kann, das ist zu gefährlich, ist mein zweitältester Sohn Jakob mitgegangen und seine Schwester. Sie wussten gar nicht wo sie ihn finden würden. Nur die vage Richtung, nach Osten zum großen See und dann von da aus haben sie sich weiter durch gefragt.

Ich merke schon ich muss noch weiter vorher anfangen sonst versteht Sie ja gar nicht warum sie den Aufenthalt ihres Sohnes nicht kannte.

Also eigentlich war mein Sohn ein ganz lieber, zu mindestens dachte ich das immer. Er raufte nicht so wie die anderen Kinder und er war mir in meiner Werkstatt schon mit zwölf Jahren eine große Hilfe und mit 15 war schon wie ein Geselle in der Werkstatt. Er konnte da schon alles übernehmen konnte konnte Tische Stühle herstellen, konnte mir beim Dachdecken helfen und später als mir dann der Balken auf den Fuß gefallen ist, da konnte ich mich auf ihn verlassen. Er hat die Werkstatt fast alleine mit seinem jüngeren Bruder geführt. Ich saß und konnte gar nicht helfen und höchstens ein paar Anweisungen geben. Er hat das prima hingekriegt.

Aber etwas seltsam war er schon. Er schien mehr mit dem Kopf zuarbeiten und nicht wie ein richtiger Tischler vom Holz her zu fühlen, wie man das Werkzeug anpacken muss. Er gründete auch keine Familie, obwohl er doch schon lange erwachsen war. Als er 30 Jahre alt war ist der von einem Tag zum andern losgezogen, hat uns nicht gesagt wohin er wollte, nur ganz grob dass er in Richtung Osten zum großen See gehen würde. Wir haben natürlich gefragt, wo er denn wohnen wollte. Er sagte, das wisse er nicht, vielleicht unter freiem Himmel oder bei Freunden. Und wovon er leben wollte und er sagte nur: Ich werde mal sehen. Zu mit sagte er: mein Bruder Jakob ist jetzt groß genug du kannst mit ihm die Werkstatt alleine führen, du brauchst mich ja nicht mehr. Aber was er genau wollte, weiß ich bis heute nicht.

Er ist dann noch einmal später in unsere Stadt gekommen.Das war ein etwas seltsamer Besuch.Wir dachten erst er würde uns besuchen wollen, aber seine Freunde fing sofort an mit den Menschen aus der Stadt zu diskutieren und zu reden und die Leute waren gar nicht begeistert von dem, was sie erzählten. Sie dachten, den kennen wir doch, was erzählt er uns hier. Er und seine Freunde sind dann wieder raus, fast aus unserer Stadt geflohen und wieder in Richtung des Sees, hat er uns gesagt aber ohne genaue Ortsangabe

Deshalb wollte meine Frau vor vier Tagen ihn wenigstens noch einmal in sehen und gucken wie’s ihm geht und ist mit meinem zweiten Sohn und seiner Schwester zusammen losgezogen in Richtung Osten sie wussten ja auch nicht wo er war. Sie hat ihm noch einen warmen Umhang und eine Decke mitgebracht, weil sie Angst hat dass es so kalt wird im Winter. So sind Mütter eben und dann hat sie zwei Tage sich durch gefragt bis sie ihn gefunden hat und er saß wirklich in der Nähe des großen Sees umringt von einer Schar von Freunden Männern und Frauen, die sie nie vorher gesehen hatte.

Sie hat ja die Freunde aus dem Kreis um ihn gebeten, er möge doch mal zu ihr kommen oder dass sie zu ihm durch die vielen Menschen gelassen würde. Als die Freunde ihm aber die Nachricht brachten, dass seine Mutter und seine Geschwister da waren, um ihn zu besuchen, hat er gesagt zu allen gesprochen:“ Sieht hier das hier sind meine waren Brüder und Schwestern, das ist meine Familie das sind mein Vater und meine Mutter. Denn wer Gottes Willen tut der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ Meine Frau war wie vor den Kopf gestoßen. Da hatte sie sich zwei Tage lang auf den beschwerlichen Weg gemacht und jetzt muss sie hören, er hätte eine neue Familie, andere Menschen, die sie gar nicht kannte. Und die waren im plötzlich wichtiger geworden als die, mit den er 30 Jahre zusammen gelebt hatte, als seine Mutter die ihn 9 Monate im Bauch getragen und fast sein ganzes Leben lang versorgt hatte, als sein Vater, der mit ihm in der Werkstatt Jahre lang gearbeitet hatte als seine Geschwister mit denen er als Kind gespielt und als junger Erwachsener zusammen gelebt hatte. Am Anfang verstand meine Frau ihren Sohn gar nicht mehr.

Aber dann hat er sich doch noch mit seiner Mutter und seinen Geschwistern unterhalten und sie begrüßt und sich bei seiner Mutter bedankt für die Geschenke und sie mit zum Essen eingeladen. Wie selbstverständlich hat die ganze Gruppe dort den Fisch, das Brot und den Wein geteilt und es hat komischerweise für alle gereicht obwohl es zuerst nicht so aussah und ich weiß bis heute nicht, wovon sie das gekauft haben, also von welchem Geld .

Auf dem Heimweg hat meine Frau Maria noch lange über die Worte ihres Sohnes nachgedacht. Sie hatte überlegt eigentlich ist das ja für ihn seine neue Familie. Für ihn ist das vielleicht wirklich so, das sind seine Brüder und Schwestern. Obwohl für sie war es doch schwer das zu ertragen. Aber so sind Mütter eben. Sie hatte ihm eigentlich schon verziehen als sie hier wieder ankam. Aber als sie mir die Geschichte dann erzählt hat,da wurde ich richtig wütend: Was ist das für ein Sohn, der so mit seiner Mutter umgeht

Heißt es nicht im fünften Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren. Aber für ihn sind wohl andere zu Vater und Mutter geworden. Maria erzählte auch, dass er Gott mit Vater anredet. Eigentlich müsste ich mich ja geehrt fühlen, wenn er den Namen den er mir jahrelang gegeben hat jetzt für Gott verwendet. So ein schlechter Vater kann ich wohl gar nicht gewesen sein und mich wundert nur, dass er Gott nicht gleich mit Mutter angeredet hat. Maria hat ihn doch immer viel besser verstanden als ich. Einerseits finde ich es schön, dass er wieder so viele Freunde gefunden hat und andererseits, ob er uns nicht auch vermisst hat. Ich habe nicht so viele Freunde wie er, ich habe mich um meine Frau und meine Kinder gekümmert, ich hatte nicht so viel Zeit für Freundschaften. Vielleicht hat er ja was wichtigeres entdeckt, etwas was über die natürliche Familie hinausgeht. Aber das hätte er doch etwas netter seiner Mutter sagen können. Ich finde immer noch der Ton war nicht angebracht. Vielleicht verstehen Sie jetzt meinen Ärger und ich werde mich nur sehr langsam glaube ich beruhigen und nicht so schnell wie Maria das konnte.