Um Trost war mir sehr bange

Zuviel an Grausamkeiten – zu viel, als dass meine Seele das verkraften könnte!
Ungebremst erreichen uns Unmenschlichkeit und Gewalt in einer Welt, in der wir so nahe zusammen gerückt sind. Schmerz und Leid schier unerträglich.

Zu groß scheint der Schmerz – zu groß das Leid,

als dass irgendetwas oder irgendeine(r) trösten könnte!








Der Seele 
schützend einen 
Mantel 
umlegen

Drei Frauen – unterwegs – ins Nichts.
Verwitwet und damit in ihrer Zeit ohne rechtliche und wirtschaftliche Absicherung.
Sie haben nur sich – mehr nicht.

Hier beginnt Marc Chagall zu malen, wo die Worte fehlen:
Sie stehen beieinander, die drei Frauen.
Ihre Gesichter spiegeln wider, welchen Schmerz sie erfahren haben.
Sie halten einander, sie stützen einander. Jede die andere.
Beieinander. Nicht allein.

Es ist tröstlich – dieses Bild.
Wie der Mantel, der sich um die verletzten Seelen der drei Frauen legt.

Adon Olam

Existenzängste, Gewalterfahrungen, Verzweiflung, Tod …
die alte biblische Geschichte von Naomi ist wie ein Spiegel für die Erfahrungen unserer Tage – in der Ukraine, im Nahen Osten – vielleicht vermag uns dieser Spiegel zu sehen helfen, wie wir aus der Schockstarre herauskommen, wie wir weitergehen, wie wir einander trösten können.

Gemeinsam auf jeden Fall, gemeinsam weitergehen. Immer wieder der Angst etwas entgegensetzen können: Sich immer wieder vergewissern: Ich bin nicht allein. Immer wieder neu den Mantel um die geschundene Seele legen.


Doch woher kommt die Kraft dazu?


Ich höre eine Freundin erzählen, wie sie Kraft schöpft, wenn sie am Wasser entlang läuft – den Blick in die Weite des Meeres und des Himmels gerichtet –
ein anderer spricht davon, wie er sich auspowert – bis an die Grenzen des Belastbaren – und ein wenig Ruhe findet.

Die Natur als etwas, was umfassender, größer als wir selbst ist, kann trösten:
Es ist, als dehne sich mit unserem Körper auch unsere Seele, die soeben noch in der Enge ihrer Fixierung auf das eigene Leiden gefangen war, in die Rhythmen des Meeres hinein, in die Bewegung unserer Schritte, in die duftende Atmosphäre des Waldes, in die Weite einer freundlichen Gebirgslandschaft. Für eine Weile fühlen wir uns aufgehoben.

Für mich selbst ist auch die Musik eine Quelle des Trostes: Von den Klängen sich getragen zu wissen, erlaubt meiner Seele ein Aufatmen. Auch hier öffnet sich meine Seele. Erst vor wenigen Tagen durfte ich das wieder erleben: Im kleinen Kreis unserer ‚Musiker-Freundinnen und Freunde‘ haben wir einander Töne/Lieder geschenkt. Und wo Worte fehlen, da fangen Töne mich auf.

So tritt zu den Tönen die Nähe freundlich zugewandter Menschen, die zu trösten vermag.

Trost – das ist wie der Mantel, der sich schützend um meine Seele legt.
Die Natur, die Musik, die zugewandten Menschen – diese alle und wohl für jede und jeden selbst vielleicht noch anderes – diese alle eignen sich zu der Ummantelung der Schmerzen.

Tristan und Isolde

Naomi, Ruth, Boas und der ihnen geborene kleine Obed leben das, was ich mir zum Trost wünsche:
Menschen an meiner Seite, die den Schmerz mit mir aushalten. Die mich nicht mit billigen Worten vertrösten. Die nach Lösungen aus schwierigen Lebenssituationen suchen. Die mit mir weinen. Und die mich erfahren lassen, dass inmitten allen Leids ein Gott da ist, der mich nicht loslässt.


Ja – nach Trost ist mir immer noch bange.
Aber ich will darauf vertrauen, dass es eine Zukunft gibt –
für mich und für meine Lieben und für die an Leib und Seele Verletzten, ob in der Ukraine oder im Nahen Osten oder sonst wo auf dieser unserer Welt.

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