Zum Erntedankfest 2021

Liebe Frauen und Männer,
liebe Schwestern und Brüder,

mal wieder – ein Stein …
ich mag Steine – und ich habe auch in diesem Jahr wieder am Strand gesammelt …

Mit Steinen kann man viel machen:

  • einen Schutzwall bauen
  • oder einen kleinen Garten gestalten,
  • sie vom Acker sammeln,
  • man kann sie leider auch gegeneinander erheben,
  • man kann Türme damit bauen,
  • oder sie als einen kleinen Weg durch einen Bach legen, um trockenen Fußes hindurchzukommen,
  • und vieles andere …

Von einem besonderen Stein will ich erzählen:

Jakob wählt ihn aus.
Auf der Flucht vor der Rache seines Bruders Esau legt sich Jakob schlafen. Stunden ist er gelaufen – immer unter der sengenden Hitze der Sonne –  und mit der Angst im Nacken.
Was ich getan habe, war falsch, er wusste das.
Den Bruder hatte er um sein Erbe – den Segen seines Vaters – gebracht,
und den alten Vater hatte er böse betrogen.

Dass er weg musste von zu Hause, es war ihm klar – aber es tat so weh.

Unter freiem Himmel legt er sich hin – einen Stein hinter seinem Kopf als kleinen Schutz – und er schläft.

In jener Nacht träumt er:
Der Himmel über ihm ist offen.
Eine Leiter verbindet den Himmel mit dem Fleckchen Erde,
wo er liegt. In ständigem Auf und Ab bewegen sich Gestalten von oben nach unten und wieder hinauf.

Und er hört eine Stimme:
Jakob, du sollst gesegnet sein. Viele Nachkommen sollst du haben und das Land, auf dem du liegst, soll dir gehören.
Und siehe, ich bin mit dir und ich will dich behüten, wo du hinziehst.

Jakob erwacht.

Staunen ist ihm ins Gesicht geschrieben:
Ihm, dem Betrüger, schickt Gott solch einen Traum?

Und was bedeutet er?
Was ist das für ein Gott, der sich ihm zuwendet, als er im wahrsten Sinne des Wortes am Boden liegt?

Staunend nimmt Jakob den Stein, der ihm als Schutz gedient hat.

Er richtet ihn auf, träufelt ein wenig des kostbaren Öls, das er bei sich trägt, auf diesen Stein und beginnt zu verstehen:

Hier an diesem Ort haben sich Himmel und Erde berührt.
Gott selbst wohnt hier an diesem Ort,

an dem ich mich mutterseelenallein gefühlt habe.
Gottes Haus ist hier. Gott nimmt hier Wohnung.
Den Himmel, den ich verschlossen glaubte, sah ich offen.

Gott macht sichtbar, was er verspricht:
Lichtgestalten zwischen Himmel und Erde –
was bedeutet: Ich bin bei dir … gehe mit dir – rauf und runter, durch dick und dünn, durch die Tiefe und in die Höhe …
Dem Betrüger wendet sich Gott erneut zu:
Mit Worten und mit den Bildern des Traums:
Ich bin bei dir und will dich behüten, wohin du auch ziehst!

So also ist Gott.
Staunend steht Jakob vor seinem Stein.

Sein Stein – Zeichen der Erinnerung für später –

Zeichen des Dankes

  •  für erfahrene Bewahrung
  •  für wiederholtes Versprechen
  •  für nicht verdiente Zuwendung (im bibl. nennt man das Gnade!)

    Sein Stein – er wird zur Brücke zwischen Gestern und Morgen.

Manchmal brauchen wir Menschen solche Steine.
Sie helfen uns erinnern.
Sie helfen uns ‚Danke’ zu sagen.

Die alten Väter der Bibel haben ihren Dank sichtbar gemacht:
Wo immer sie Rettung erfahren haben, bauten sie einen Altar: 
Sie schichteten Steine übereinander, zündeten ein Feuer an, opferten Getier.

Und in allem war präsent, wofür zu danken war :
für Kinder und große Viehherden,
für Bewahrung,
für einen neuen Weg und ein neues Zuhause,
für Wasser in letzter Minute und Essen,
für die gelungene Versöhnung und für einen Neuanfang.

Auch unser Raum ist voller ‚Erinnerungssteine’:
Wir tragen zusammen, was gewachsen ist in Gärten und auf Feldern,
und mit ihnen legen wir auf den Tisch, was wir an Arbeit geleistet haben.

Und in Gedanken sind da auch die vielen persönlichen Dinge, die wir erlebt haben, für die wir auch ‚Danke’ sagen.

Und es geht uns wie Jakob:
Staunen ist uns ins Gesicht geschrieben:

Wieder ein Jahr – wirklich schon wieder ein Jahr?

Ein Jahr – geschenkte Zeit,
erfüllte Partnerschaft,
Kinder, die so viel fordern, aber doch so viel Freude in ein Haus bringen,
Essen und Trinken, vielleicht ein neues Zuhause,
neue Freunde, liebe Nachbarn.

Ein Jahr geschenkte Zeit –

aber auch Krankheit, vielleicht Genesung, langsame Fortschritte im Genesen, Arbeitslosigkeit, Hausverkauf, Abstieg (mehr die Lichtgestalten, die in die Tiefe gehen), Schmerzen und Verlust.

In vielem, was uns widerfahren ist, haben sich Himmel und Erde berührt,
hat Gott uns berührt, angerührt, ist nahe gewesen.

Nicht immer haben wir es erkannt.
Und manchmal war es wie im Traum.

Jakobs Traum  nimmt uns mit.

Vielleicht öffnet er uns den Blick für den geöffneten Himmel über uns. Und wir erkennen: das Licht reicht bis zu uns – herunter.

Und staunend nehmen wir wahr:
Gott meint es noch mal gut mit uns.

Er rückt nicht von uns ab. Sondern kommt an unsere Seite.

Auch wenn wir nicht die Treuesten waren,
auch wenn wir schuldig geworden sind im Umgehen miteinander,
auch wenn wir meinen, ohne Gott auskommen zu können.

Jakobs Traum nimmt uns mit –
nimmt uns mit ins Staunen
und mit ins Danken.

Und wir bringen diesen Dank vor Gott

und gehen weiter,
staunend und dankend und voller Hoffnung,
dass Gott uns nicht allein gehen lässt. Auch nicht morgen und übermorgen.


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