Predigt am 6.9.2020 in Cismar „Streit in der Gemeinde“ Apostelgeschichte 6 (Wolfgang)

Anspiel : Gemeindeversammlung 2020

A: So kann es doch nicht weitergehen. In unserer Gemeinde liegt alles brach wegen Corona jetzt natürlich besonders, aber das war doch vorher schon so. Wo sind die jungen Leute? Was bieten wir ihnen an? Unser musikalisches Angebot – unsere Chöre – bis zu Corona lief das ja ganz gut – aber jetzt?! Wie soll es weitergehen?

B: Ich gebe dir ja recht. Es müsste etwas passieren, aber was sollen wir denn machen? In unsere Gottesdienste kommen hauptsächlich nur ältere Menschen, die gefährdet sind von Corona, wir können die doch nicht weiteren Gefahren aussetzen. Wir müssen die Abstand-Regeln einhalten den Mundschutz aufsetzen, wir können auch große Chöre nicht mehr veranstalten.

A: Ja gut – aber dann lass uns doch was Neues überlegen – lass uns vielleicht mit den Jugendlichen anfangen – bei denen ist die Gefahr von Corona ja nicht so groß. Vielleicht könnte man da doch etwas aufbauen – gerade jetzt, wo die Jugendlichen sich nach Kontakten sehnen und keine Veranstaltungen stattfinden, die sie besuchen können. Da könnte die Kirche doch etwas anbieten.

B: Aber wer soll das denn machen? Wir fordern doch schon lange einen Jugenddiakon, der sich dafür einsetzt. Aber woher soll das Geld kommen?

A: Wenn das Geld immer nur für Reparaturen und Erhaltungsaufgaben und Friedhöfe ausgegeben wird, dann fehlt es natürlich da, wo es nötig ist. Wir brauchen dringend Geld für die Kinder und -Jugendarbeit.

B: Ach – darum geht’s dir, es geht dir gar nicht wirklich um unsere Gemeinde.

A: Doch – sehr wohl – die Jugendlichen sind doch auch unsere Gemeinde und unsere Kinder sind doch die Zukunft unserer Gemeinde.

B: Aber damit können wir das Geld uns ja trotzdem nicht aus den Rippen schneiden.

A: Immer wenn’s um Geld für was Neues geht, ist plötzlich kein Cent mehr da, aber wenn irgendwas Altes erhalten werden muss und sei es unsere Denkmäler und Friedhöfe und Kirchen – dafür ist immer Geld. Ich verstehe es nicht -irgendwo ist da was falsch im System.

B: Willst du das übernehmen und Geld dafür sammeln?

A: Nein – ich weiß ja auch nicht, woher weitere Gelder kommen könnten. Die Kirchensteuern brechen immer weiter weg, die Einnahmen der Gemeinde werden wahrscheinlich dauerhaft noch in den nächsten Jahren kleiner werden und die Kirchenaustritte zunehmen. Aber wenn wir das so weiterlaufen lassen, wird es nur schlimmer. Wir müssen doch irgendwo ansetzen.


Vielleicht sollten wir nicht über das leidige Geld reden, sondern endlich mal darüber, was wir denn an Konzepten haben.

B: Was für ein Konzept für Jugendarbeit ist denn heute z.B. noch interessant, wo durch die Ganztagsschule die Zeit der Kinder und Jugendlichen doch völlig eingeschränkt ist.

A: Was für Ideen gibt es, andere Gottesdienstformen zu finden?
Gottesdienste am Strand, Gottesdienste, in denen Musik ein starkes Gewicht haben – so, wie wir das schon immer mal versuchen.

B: Ja – wir erreichen immer mal wieder einige. Ab und zu sind einige Kurgäste da – aber davon kann man keine Gemeinde aufbauen.

A: PredigtVielleicht sollten wir mehr zu dem Menschen gehen und nicht immer erwarten, dass sie zu uns kommen.

Predigt 

Das schöne an unserem heutigen Bibeltext: Man braucht kein theologisches Wörterbuch um ihn zu verstehen:

Apostelgeschichte 6

1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. 2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen. 3 Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst. 4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. 5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia. 6 Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf. 7 Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem.

Die erste Gemeinde in Jerusalem war schon ein seltsamer Haufen. Die Freunde von Jesus, die sich Pfingsten versammelten, waren Handwerker, Fischer und einfache Leute aus dem Volk.
Aber schon kurz nach dem Pfingstereignis kamen Menschen aus Jerusalem zur Gemeinde, die sich von denen, die zum Freundeskreis von Jesus gehörten, doch sehr unterschieden. So kamen jetzt zunehmend Kaufleute, reichere Menschen, Menschen aus der Stadtverwaltung und sogar einige Priester zur Gemeinde dazu. In einer Großstadt leben halt andere Menschen als in Galiläa auf dem Land.

Die Gemeinde bestand also aus zwei sehr unterschiedlichen Teilen. Da waren einerseits die Freunde aus Galiläa, die mit Jesus nach Jerusalem gezogen waren. Sie sprachen aramäisch oder hebräisch. Viele konnten wahrscheinlich kein Griechisch, damals die Kultur- und Weltsprache. Und erst recht kein römisch, was damals die offizielle Amtssprache war.

Und auf der anderen Seite diejenigen Juden, die in der Bibel als griechische Juden bezeichnet werden, also Menschen, die im griechischen Kultur- und Gedankengut aufgewachsen waren. Für sie war griechisch und vielleicht auch römisch die Standardsprache. Die hebräische Bibel kannten sie vielleicht sogar nur in der Übersetzung im griechischen und noch gar nicht mal im Originaltext.

Es gab also zwei markante Unterschiede:
einmal einen würde heute sagen soziologischen Unterschied zwischen reich und arm, zwischen gebildet und ungebildet, zwischen Stadtmenschen und Landbevölkerung, zwischen bedeutsam und aufgewachsen in Jerusalem und fremd in dieser Stadt.
Und es gab einen Unterschied in der Sprache: im aramäisch oder hebräischen Kulturkreis aufgewachsen und zu Hause oder im griechisch-römischen Kultur und Gedankenkreis aufgewachsen.

Und man kann sich vorstellen dass ich das immer weiter verschob, denn wer kam nach Jerusalem: Doch hauptsächlich Händler und Leute, die mit den römischen Behörden vielleicht etwas zu regeln hatten. Sicher auch ein paar Bauern, die die Märkte belieferten, aber im Wesentlichen kamen wohl gerade mehr griechisch sprechende Christen dazu und weniger jüdisch sprechende.



Am Anfang der Apostelgeschichte bei Lukas wird über die erste Gemeinde berichtet: Sie waren alle ein Herz und eine Seele und teilten alles, was sie hatten. Aber schon in den ersten Jahren scheint sich das sehr geändert zu haben. Und wir kennen das: Der Streit bricht zuerst da los, wo es ums Geld geht.

Luther übersetzt hier so treffend: Es erhob sich ein Murren.

Man ging also nicht direkt zu Petrus und beschwerte sich. Man forderte nicht, dass einer griechischen Witwe genauso viel zustand wie einer jüdischen, sondern man ‚murrte‘:

Es ging das übliche Getratsche in der Gemeinde los.

So stell ich mir das vor: „Hat nicht Frau Zachäus viel mehr Geld bekommen?“ „Ja ich habe gehört, dass Frau Timotheus und ihr Sohn viel weniger bekommen haben als ihr Mann gestorben war.“
„So läuft es hier immer: die Freunde der Apostel werden bevorzugt, aber man traut sich ja gar nicht, sowas laut zu sagen.“
“ Wir griechischen Anhänger von Jesus werden immer benachteiligt, einige haben noch nie Unterstützung bekommen.“

Und irgendwann muss dieses Murren ja dann doch wohl bis zu den Aposteln vorgedrungen sein – also bis zu den 12 Freunden von Jesus. Und die reagieren darauf, wie man das sinnvollerweise macht.
Man ruft eine Versammlung aller Personen zusammen. Damals waren es wahrscheinlich noch nicht so viele – sie scheinen noch in ein Haus gepasst zu haben oder in einem Saal.
Und dann versucht man und die Sache gemeinsam zu regeln.

Und wie es scheint, war das Murren nicht unberechtigt, denn das Ergebnis zeigt, dass gerade griechische Männer gewählt wurden um die Ungerechtigkeit auszugleichen.

Aber statt das offen zuzugeben, begründen die Apostel ihre Entscheidung völlig anders. Nämlich damit, dass sie sich nicht um die kleinlichen Dinge wie Geld kümmern wollten, sondern um das Wort Gottes, direkt also die Predigt um die Lehre.

Für die Versorgung der Witwen und Waisen, also die Diakonie würden wir heute sagen, werden andere Menschen bestellt.

Diese Arbeitsteilung hat ja eine gewisse Logik: die Apostel waren diejenigen, die Jesus noch persönlich gekannt haben. Die griechisch sprechenden Menschen in der Gemeinde werden Jesus vielleicht gerade vor seinem Tode noch kennengelernt haben, aber die meisten ihn gar nicht gekannt haben.
Deshalb war es sicher sinnvoll, dass die Apostel sich um die Lehre und die Predigt kümmerten, und es war eine große Geste, dass man dem griechischen Teil der Gemeinde zugestand, für die diakonischen Belange zu sorgen und so die vorhandenen Ungerechtigkeiten auszugleichen.

Wann wird bei dieser Entscheidung daran erinnert, dass Jesus so etwas ähnliches gefordert hat:
In der Bergpredigt sagt er:“ Wirst du von jemand genötigt eine Meile mitzugehen, dann gehe gleich zwei Meilen mit.“

Ob es ob es dabei darum geht, demjenigen beim Tragen zu helfen oder ihn auf dem Weg zu beschützen, wissen wir nicht – vielleicht beides – aber auf jeden Fall geht es darum, etwas mehr zu geben als gefordert.

Und genau das passiert hier: Indem eben nicht ein Gremium, was paritätisch besetzt ist mit jüdisch sprechenden und griechisch sprechenden Christen, sondern eben gerade 7 griechische Christen damit beauftragt werden, für die diakonischen Belange zu sorgen.

Diese Arbeitsteilung scheint aber schon bald anders zu funktionieren, als geplant. Der erste Diakon Stephanus fängt sofort an, vor griechischen Juden zu predigen und weist ihnen sehr überzeugend nach, das Jesus der von Gott gesandte Messias ist. Und der griechisch sprechende Teil der Gemeinde wächst unübersehbar, während der jüdische Teil immer unbedeutender wird.
Für Lukas ist das alles ein deutlicher Beweis, dass diese Entscheidung gut war, die Gemeinde wächst und breitet sich von Jerusalem in den nächsten Jahren im ganzen griechischen Kulturkreis aus.


Nachspiel


Aber was ist, wenn wir auf diese Entscheidung aus heutiger Sicht blicken. Dazu habe ich Herrn Lukas auf der Terrasse von Wolke 13 im Himmel interviewt.

Reporter: Guten Morgen Herr Lukas. Schön haben Sie es hier oben. Sie haben uns damals die Geschichten der ersten Apostel aufgeschrieben. Herr Lukas, wenn sie heute überdenken, was sie damals über die Auseinandersetzung zwischen den hebräischen Christen und den griechischen Christen geschrieben haben, war das doch nicht etwas zu positiv dargestellt?

Lukas: Ja – ich bitte Sie – haben sie doch etwas Nachsicht, damals war die Sache schon fast 40 Jahre her. Ich wollte eigentlich nur meinem Freund Timotheus erzählen was damals passiert ist und habe es aufgeschrieben. Hätte ich gewusst, dass dies später der einzige Bericht über diese Zeit sein wird und 600 Millionen Christen auf keine andere Quellen zurückgreifen können, dann hätte ich mich vielleicht doch noch etwas genauer informiert.
Aber es war ja schwierig, ich bin ja im griechischen Kulturkreis aufgewachsen, ich kannte kaum einen von denen, die sich hebräische Christen nannten.

Reporter: Und trotzdem, war es nicht schon erkennbar, dass dadurch sich die Gemeinde stark verändern würde?

Lukas: Ich war doch kein objektiver Berichterstatter sondern auch selber betroffen. Ohne das Ergebnis, nämlich ohne dass das Christentum in dem griechischen Kulturkreis vorgedrungen wäre, hätte ich ja wahrscheinlich nie etwas von Jesus erfahren. Ich verdanke doch mein Leben dem, was damals geschehen ist. Da kann man nie nur objektiver Berichterstatter bleiben. Haben Sie Verständnis, dass ich es damals ganz positiv aufnahm. Es war eine gute Entscheidung die getroffen wurde. Die benachteiligten wurden unterstützt. Und es war eine gute Entwicklung, weil das Christentum dadurch in die ganze Welt in die ganze griechisch sprechende Welt getragen werden konnte.

Reporter: Und aus heutiger Sicht, wie sehen sie es, dass es kaum noch Juden gibt, die sich zu Jesus Christus bekennen und der eine Teil der damaligen Gemeinde praktisch bedeutungslos geworden ist?

Lukas: Wenn ich geahnt hätte, dass mit dem Siegeszug des Christentums unter Kaiser Konstantin das Verbot des jüdischen Glaubens und danach die Verfolgungen der Juden begonnen hätten, hätte ich das sicher anders gesehen. Denn wenn es zu dieser Zeit noch so bedeutsame Gemeinden, wie die von Jakobus, dem Bruder von Jesus geleitete jüdisch-christliche Gemeinde in Jerusalem gegeben hätte, wäre ein Verbot des jüdischen Glaubens kaum vorstellbar gewesen.

Reporter: In den christlichen Glaubensbekenntnissen kommen Abraham, Moses, David und die Propheten nicht vor. War das nicht auch eine Auswirkung der damaligen Ereignisse?

Lukas: Die christlichen Glaubensbekenntnisse wurden für den griechischen Kulturkreis formuliert. Die christlichen Juden können damit sicher wenig anfangen und merken, dass ihnen ein Teil ihrer Glaubensgeschichte vorenthalten wird, nämlich der Sinaibund Gottes mit seinem Volk.

Reporter: Auch die Trennung von Lehre und Diakonie geht auf die damalige Entscheidung zurück. War das immer sinnvoll?

Lukas: Nein, im Rückblick auf fast 2000 Jahre Kirchengeschichte muss man erkennen, dass der Umgang mit Geld zum Kern der Lehre gezählt werden muss und nicht unabhängig davon bleiben darf. Eine Diakonie, die nur die Versorgung der Menschen und nicht ihr gesamtes Heil im Blick hat, verfehlt ihr christliches Anliegen. Damals war es wichtig, die Benachteiligten zu unterstützen, aber die Strukturreform, die damals begann, war kein guter Weg. In meinem Evangelium habe ich deshalb damals die Geschichte vom barmherzigen Samariter und die von Maria und Martha direkt hintereinander gebracht. Gottes Wort hören und tun gehören immer direkt zusammen.

Reporter: Herr Lukas, was würden Sie uns denn heute für unsere Streitfragen in der Kirche empfehlen?

Lukas: Gerechtigkeit schaffen und Notdürftige zu unterstützen ist sicher richtig  und notwendig, aber bei Strukturreformen sollte man genau hinsehen: Sie wirken sich vielleicht noch in 100 oder 1000 Jahren aus und man sollte dringend versuchen die Probleme aus allen verschiedenen Richtungen zu betrachten und die Auswirkungen für alle Gruppen von Menschen auf dieser Welt in den Blick zu nehmen.

Reporter: Herr Lukas, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Und der Friede Gottes, der höher ist als es unser Verstand begreift, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Und sie bewegt sich doch

Nachdem einer der großen Hunde im Uhlenbusch sich wieder fletschend vor mir aufgebaut hatte, hab ich mich bei der Polizei beschwert und Leinenzwang verlangt. Die Polizei hat nicht nur dem Besitzer, sondern auch unserem Vermieter daraufhin einen Besuch abgestattet. Seitdem ist der Hund an der Leine und einige andere Hunde auch.

Purim-Gott rettet sein Volk Predigt 5.7.2020 in Cismar (Wolfgang)

Die Geschichte, die ich Ihnen heute erzählen möchte kommt uns allen fast zu bekannt vor: Es gab den großen Plan, alle Juden sollten getötet werden. Und nicht nur in einer Stadt, sondern im ganzen großen Reich.Und damit die Juden keinen Verdacht schöpfen können wurde der Plan geheim gehalten. Der Tag an dem dies geschehen würde wurde keinem bekannt gemacht, man wollte den Tag kurzfristig durch das Los bestimmen, um die Juden in Sicherheit zu wiegen.

Wir ahnen schon, was jetzt geschah. Wieder einer von den vielfältigen Versuchen, Gottes Volk auszurotten. Wie es in der Geschichte immer wieder passierte, zuerst versklavt von den Ägyptern um ihre Arbeitskraft auszubeuten, dann vertrieben in die babylonische Gefangenschaft um ihr erstes Reich zu zerstören, dann als sie Autonomie von der römischen Besatzung vergeblich erkämpften im ganzen römischen Reich verteilt, viele wieder jetzt als römische Sklaven. Und dann im Mittelalter, als die christlichen Kreuzritter Rache für den Tod Jesu nehmen wollten, für den sie die Juden verantwortlich machten, obwohl doch die Römer das Todesurteil aussprachen. Und zur Zeiten der Pest, als man Juden tötete, weil man ihnen vorwarf die Brunnen zu vergiften – nicht wissend das die Pest in den jüdischen Gettos nur deshalb weniger wütete, weil dort die hygenischen Verhälntnisse besser waren. Im katholischen Spanien erdosselte die christliche Inquisition die Juden, wenn sie nicht schon vorher aus dem Land vertrieben waren. Was Luther Schlimmes über die Juden gesagt hat, war hier in Deutschland der Nährboden für den wachsenden Antisemitismus, gerade im Bereich der evangelischen Kirchen. Aber auch in der Zeit der Aufklärung gab es die Anfeindungen, denen die wenigen Juden sich gegenübersahen, die zu Wohlstand und Reichtum gekommen waren – plötzlich waren alle Juden in den Augen der Welt Schmarotzer und Betrüger, die den anderen das Geld aus der Tasche zogen. Der deutsche Nationalismus hatte von Anfang an immer wieder antisemitische Züge, die dann im Rassenwahn der Nazis endeten, als man versuchte eine minderwertige jüdische Rasse zu definieren. Der Holocaust war die Folge. Aber noch vor wenigen Wochen versucht ein rechter nationalistischer antisemitischer Spinner in Halle die Juden beim Gebet in der Synagoge zu ermorden – von vielen rechten Gruppierungen im Land bejubelt. Antisemitismus hat viele Gesichter, richtet sich manchmal gegen einzelne Juden, oft aber auch gegen die Religion der Juden oder ihren Versuch einen Staat aufzubauen. Und oft ist Unkenntnis über die uns manchmal seltsam anmutenden Gebräuche und Riten die Ursache.

In der Geschichte, die ich Ihnen heute erzähle ist alles anders. Sie passierte im Reich der Perser, lange vor Christi geburt. Damals ging der Plan nicht auf . Damals ging es gut aus. Alle Juden wurden gerettet. Man mag es kaum glauben. Und das weil zwei mutige Menschen das fast Unmögliche versuchten – die Maschinerie des Todes aufzuhalten. Und wie zum Trotz feiern heute die Juden in aller Welt jedes Jahr das Purimfest, also das Fest des Loses, das damals nicht gezogen wurde

Da sind zuerst die 4 Hauptpersonen in diesem Drama : Xerxes der Erste, Herrscher über das Perserreich, das damals von Indien bis Griechenland und vom Schwarzen Meer bis zum Roren Meer reichte. Haman, sein oberster Verwaltungschef, der die Juden ermorden wollte. Mardochai, ein Jude, der den König früher vor einem Anschlag bewahrt hatte. Und die Hauptperson: Ester, eine elternlos aufgewachsene jüdische Pflegetochter von Mardochai, die, als der König seine Ehefrau nicht mehr anerkannte, zu einer seiner bevorzugten Geliebten wurde.

Der Ort des Dramas : Susa, im heutugen Iran, nahe der Grenze zum Irak.

Die Zeit . Ungefähr 500 Jahre vor Christus

Warum der Verwalter Haman alle Juden umbringen wollte, erzählt das Buch Ester im alten Testament nicht, aber wahrscheinlich wollte er und seine politischen Freunde sich bereichern, möglicherweise fürchten sie sich auch vor der fremden Kultur und Religion, die überall im Land an Bedeutung gewann.

Hamans Plan wäre sicher aufgegangen, wenn nicht Mardochai über Ester davon erfahren hätte. Mardochai stellt sich demonstrativ gekleidet in einem Sack vor den Palast, ohne dem König die angemessene Ehre zu geben und fastet dort viele Tage. Als Ester davon erfährt, beschließt sie einzugreifen, obwohl sie sich dadurch auch selber gefährdete. Denn es war allen verboten selber zum König zu gehen, wenn der es nicht angeordnet hatte, nicht mal seine Frauen. Sie geht trotzdem zum König und bittet ihn und Haman zu einem Festmahl in ihren Gemächern. Und der König lässt sich darauf ein. Bei dem Essen, nach mehrern Gläsern Wein, verspricht ihr der König jeden Wunsch zu erfüllen, und sei es das halbe Königreich. Sie aber bittet den König nur zu einem weiteren Festmahl zusammen mit Haman zu kommen, wo sie ihm ihre Bitte vortragen würde. Über Hamans Plan schweigt sie und der fühlt sich danach schon völlig sicher, dass sein Plan aufgeht. Und weil er so sicher ist lässt er schon für Mardochai, der immer noch in seinem Sack vor dem Tor des Königs fastet, einen Galgen errichten. Bei dem zweiten Festmahl erinnert Ester den König daran, dass Mardochai ihn früher vor einem geplanten Attentat gerettet hat. Sie verrät dem König den geheimen Plan des Haman und auch, dass Haman bereits für Mardochai einen Galgen aufgestellt hat. Und sie bittet, Haman zu entlassen, und um das Leben der Juden im Reich. Der König ist so erzürnt, das er nicht nur Haman als Verwalter entlässt, sondern ihn am Galgen, der für Mardochai errichtet wurde aufhängen lässt. Und der König verfügt, dass alle Juden sicher in seinem Reich leben sollen.

Und bis heute wird deshalb Purim jedes Jahr gefeiert. Und wie! Wenn Juden feiern dann auch so gründlich, wie man es sonst eher von jüdischen Hochzeiten kennt. Wie ein kleines Video des Südwestfunks aus Tel Aviv zeigt.

Die Ähnlichkeit mit Fröhlichkeit im rheinischen Karneval ist schon verblüffend, dort weiß ja auch nur noch selten jemand, dass Karneval die letzten Tage vor der Fastenzeit als Erinnrung an die Passion Jesu sind. Und so witzige Ritale wie das Ausbuhen des Haman in der Synagoge wünsche ich mir manchmal in unseren so trockenen Gottesdiensten.

Für uns heißt das aber auch: Obwohl es Antisemitismus immer wieder geben wird, es gibt auch ein freies Leben für das Volk Gottes. So wie in Davids Großreich, unter Xerxes in Persien, im Spanien der islamisch-maurischen Zeit oder heute in USA, Israel und erfreulicherweise gerade in Berlin.

Und bei aller Kritik an der Politik des jüdischen Staates bleibt für uns Christen die Pflicht Gottes Volk auf der Erde zu schützen, wo immer es bedroht wird. Und imer dort widersprechen, wo Juden pauschal abgewertet oder ausgegrenzt werden. Verrückte Antisemiten wird es wohl immer geben, aber ihre Ideologie darf nie wieder wie im Nazideutschland oder im heutigen Iran zur Staatdoktrin werden.

Und die Geschichte kann uns Mut machen, gewaltfreie Aktionen, wie die Fastenaktion von Mardochai, können einen unheilvollen Verlauf stoppen. Sie erinnert an ähnliche erfolgreiche Aktionen von Gandis oder von Martin Luther King. Und auch Ester, die durch kluges Geschick im Einsatz aller zur Verfügung stehenden Mittel, wahrscheinlich auch gerade iherer erotischen Anziehungskraft, den König auf ihre Seite zieht, um ihr Volk zu retten.

Aber mir geht es so: Ich frage mich dann immer, ist die Ester-Geschichte nicht vielleicht nur ein Märchen aus alter Zeit, um die verfolgten Juden zu trösten. Vor 3 Wochen fand ich zufällig in der Zeitschrift GEO-Wissen ein Bericht der 82-jährigen Jüdin Tanja Dreifuss, der beschreibt, dass gerade das Undenkbare manchmal bei Gott möglich wird. Freu Brand liest Ihnen den Bericht vor:

Da bleibt mir nur Amen zu sagen.

Projekt Uhlenbusch: Seniorendorf mutiert zum Hundedorf

Dorf auf der ehemaligen Seekoppel in Bosau ist auf den Hund gekommen

Und das im wahrsten Sinne des Wortes – ganz was Besonderes sollte es sein, dieses wie eine Ferienhaussiedlung anmutende Dörfchen am Ende des Ortes Bosau:  Hier will man Gemeinschaft leben, hier achtet man aufeinander, hier soll man aktiv und selbstbestimmt alt werden, ein würdevolles Leben führen können bis zum Ende.

Diese Vision des Gründer-Ehepaars Ulrich und Caroline Reimann hat mich seinerzeit begeistert: meine Restlaufzeit nicht allein und nicht in einer Alten- und Pflegeeinrichtung  verbringen zu müssen, eine alternative Lebensform aufzubauen, in dem Menschen miteinander die Tücken des Älter-Werdens gemeinsam meistern können, indem sie einander unterstützen mit dem, was sie noch können, um so bis ins hohe Alter in einem seniorengerechten und ökologischen Dorf ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Die Vision ist wie eine Seifenblase zerplatzt.

1. Das Dorf Uhlenbusch ist in dem, wie es sich heute – auch in der Öffentlichkeit – präsentiert, nicht wirklich auf das Alter ausgerichtet und Menschen, die pflegebedürftig werden, sehen sich gezwungen, das Dorf zu verlassen.

2. Menschen mit eigenen Ideen zur Lebensgestaltung der Gemeinschaft sind nicht erwünscht.

3. Die vom Dorfgründer gepriesene besondere Qualität im Umgang und Gespräch miteinander hat sich ins Gegenteil verkehrt: Der Anspruch, mit Respekt und Toleranz miteinander umzugehen, wird mit Füßen getreten:  nicht genehme Bewohner werden ausgegrenzt. Das hat Strukturen von Mobbing und dazu geführt, dass die ‚erste Uhlenbusch-Generation‘ nach und nach den Uhlenbusch verlässt. Diese Ausgrenzungen passieren sehr gezielt: Man enthält bestimmten Mietern Informationen vor, verbreitet Gerüchte über sie, weist sie hin auf ihr Recht kündigen zu können, behandelt sie so, als gäbe es sie gar nicht, und anderes mehr.

4. Das Dorf Uhlenbusch ist von einem zwei Meter hohen Zaun und hohem Tor umschlossen und vermittelt der Umgebung den Eindruck einer hier lebenden elitären Gemeinschaft, die mit anderen nichts zu tun haben will. Dementsprechend wird das Uhlenbusch-Dorf bezeichnet als JVA, Ghetto und Tierversuchsstation; als Bewohnerin habe ich zuweilen den Eindruck, in einem großen Hundezwinger zu leben. Hunde stehen für den Vermieter an oberster Stelle, potentielle Mieter werden danach ausgesucht, ob sie Hundebesitzer sind. So leben in diesem Dorf z.Zt. zirka 20 Hunde auf Wegen und Abwegen, denn nicht jeder Hund ist  hier mit seinem Frauchen oder Herrchen unterwegs.

Wie mutiert ist der ursprüngliche Plan eines seniorengerechten Dorfes, in dem man Gemeinschaft lebt! Aus meiner heutiger Perspektive gesehen, hat man uns, die erste Mietergeneration, mit einer Vision für ein alternatives Wohnen im Alter angeworben, uns ‚benutzt als geldgebende Pioniere‘, und kann uns jetzt, da wohl alles im Sinne der GmbH läuft, nicht schnell genug loswerden. Das ist bitter!

                                                                                                                                       Dorothea Brand

Von der Demokratie über die Soziokratie zur Willkürherrschaft der Grundbesitzer im Uhlenbusch

Der Anfang

Zu Beginn gab es im Uhlenbusch einen wöchentlichen Kennlerntreff, an dem alle recht regelmäßig teilnahmen, auch die Vermieter (Ulli und Caroline Reimann). Aber die Auseinandersetzungen waren oft sehr emotional. Lebte man doch auf einer Baustelle, wo es vieles noch nicht gab und einiges nicht funktionierte. So entstand nach und nach das Bedürfnis diese Treffen zu strukturieren. Meist wählte man einfach eine Gesprächsleitung, damit überhaupt jeder gleichberechtigt zu Wort kam.

Die vorläufige Mietervertretung

Dann organisierte einer der Bewohner (Herbert Stierel-Domeyer) nach einem soziokratischen Verfahren die Wahl einer dreiköpfigen Mietervertretung. Gewählt wurden Edith Pingel, Wolfgang Kummerfeldt und Helgard Stahl. Diese Mietervertretung nannte sich vorläufig, da erst die Hälfte der Bewohner eingezogen war. Leider gab es keine Einigung der Mieterversammlung, wie bei Nichteinstimmigkeit entschieden werden sollte. Innerhalb der vorläufigen Mietervertretung galt das Mehrheitsprinzip. Nachdem die Kritik an den Vermietern immer stärker wurde, zogen die sich weitgehend aus der Mieterversammlung zurück. Insbesondere die Diskussion um die Gartengestaltung und über Zaun und Tor zeigte unüberwindliche Gegensätze zwischen sehr vielen Bewohnern und den Vermietern.

Soziokratie und Satzung

Als alle 30 Häuser standen, lud der Vermieter zu einer ersten Vollversammlung ein und stellte sein Soziokratiemodell vor: 6 Säulen für die verschiedenen Bereiche, die er mit 6 Personen als Leitung besetzt hatte. Auf die Kritik an diesem undemokratischen Vorgehen erwiderte er, es könne ja jemand einen Gegenvorschlag machen. Das geschah daraufhin durch Hans-Jochen Laabs und Klaus von Bröckel. So gab es drei Satzungsvorschläge. Daraufhin haben Elke Badur-Siefert, die den Vorschlag der Vermieter vertrat, und Hans-Jochen und Klaus einen gemeinsamen Kompromissvorschlag vorgelegt. Der fand in der folgenden Vollversammlung nur eine Zweidrittelmehrheit. Daraufhin wurde er vom Vermieter abgelehnt, der auf Einstimmigkeit bestand. Er selber hatte offensichtlich dagegen gestimmt.

Situation heute

Seitdem werden alle Entscheidungen recht willkürlich nur vom Vermieter getroffen – ohne einen Uhlenrat, den der Anhang zum Mietvertrag eigentlich vorsieht. Der Zaun um das Gelände wurde durch ein 2m hohes Tor ergänzt, die Außenflächen nach seinem Plan gestaltet oder oft ungestaltet gelassen. Der Unmut der ersten Bewohner führte dazu, dass von den ursprünglichen Mietern mehr als die Hälfte ausgezogen ist. Als neue Bewohner wurden fast nur noch Hundebesitzer vom Vermieter ausgewählt. Auch die Nutzungsregelungen für Gästezimmer, Gemeinschaftshaus und Sauna wurden ohne Absprachen mit den Bewohnern festgelegt.