Dialogpredigt in Ahrendsbök am 31.5.2021 zu Nikodemus (Joh 3)

Von Doro und Wolfgang

Doro: Wir hören den heutigen Predigttext aus dem Johannesevangelium im 3.Kapitel:Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden.

Wolfgang: Wenn ich Pharisäer höre, läuft mir schon das Wasser im Mund zusammen. Dieser leckere Kaffee mit Sahne und einem ordentlichen Schuss Rum. Als ich das Getränk zum erstenmal im kalten Winter an der See kennenlernte, war ich auch von diesem Namen fasziniert. Woher er denn kommt, fragte ich die Bedienung. Und sie erklärte mir, die Pharisäer wären verlogene Heuchler gewesen. Ich kenne doch sicher die Geschichte von dem Pharisäer, der öffentlich Gott dankt, dass er nicht so geldgierig ist wie die Zöllner. Damals war es verpöhnt, wenn Frauen in der Öffentlichkeit Alkohol tranken. Deshalb bestellten sie sich dann einen Kaffee mit Sahne und der Wirt sah an dem Augenzwinkern schon, dass er den Rum darunter verstecken sollte. Und so ein Pharisäer kam jetzt zu Jesus? Was wollte er denn von ihm?

Doro: Also noch mal von vorn: Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht

Wolfgang: Wieso bei Nacht, hatte er was zu verbergen?

Doro: Davon steht hier nichts, aber so ein angesehener Mensch wollte vielleicht nicht mit diesem herumziehenden Wanderprediger gesehen werden. Aber jetzt geht die Geschichte weiter: Nikodemus sagt zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott ist mit ihm.

Wolfgang: Ich dachte die Pharisäer waren verlogene Heuchler. Das hört sich jetzt aber ganz anders an. Er nennt Jesus einen Rabbi, einen Lehrer. Als wenn beide auf der gleichen Ebene miteinander diskutieren könnten. Was waren die Pharisäer denn nun wirklich?

Doro : Sie waren keine ausgebildeten Theologen und auch keine Priester, sondern einfache Leute, Handwerker, Händler, Bauern oder Hirten. Aber sie konnten im Gegensatz zu den meisten Menschen damals lesen und deshalb lasen sie in den Synagogen, also den Kirchen dieser Zeit die alten Schriften vor und versuchten ihre Bedeutung für die Gegenwart zu erklären.

Wolfgang : Dann war Jesus eigentlich ja auch Pharisäer, er hat doch bis zu seiner Taufe bei seinem Vater in der Werkstatt gearbeitet, konnte lesen und hat am Sabbat die alten Schriften in der Synagoge ausgelegt.

Doro : Ja im Prinzip war Jesus so etwas wie ein Pharisäer, aber nach der Taufe ist er ja als Wanderprediger durchs Land gezogen und er hat sich auch keiner der Gruppen der Pharisäer angeschlossen.

Wolfgang : Dann ist das schon etwas besonderes, wenn ein hoch angesehende Pharisäer wie Nikodemus anerkennt: Jesus ist von Gott gekommen. Das hat er sicher nicht zu vielen gesagt.

Doro : Aber lass mich doch die Geschichte weitererzählen: Nikodemus sagt zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott ist mit ihm. Jesus antwortete ihm

Wolfgang: Entschuldigung, dass ich dich noch mal unterbreche, aber wieso antwortet Jesus? Nikodemus hatte doch gar keine Frage gestellt. Er hatte doch nur gesagt, dass Gott mit Jesus ist. Wo ist da die Frage auf die Jesus antwortet?

Doro : Hör doch die Geschichte erst mal zu Ende: Jesus antwortete Nikodemus: Wirklich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.

Wolfgang : Langsam begreife ich. Die Frage steckte zwischen den Zeilen. In der Person Jesus selber. Denn Jesus hatte ja gepredigt, dass das Reich Gottes schon angebrochen sei. Jesus versucht also jetzt zu erklären, woher er denn weiß, dass das Reich Gottes schon angebrochen ist, während die meisten Juden noch auf diesen Anfang warteten. Während Nikodemus es aus den Zeichen und Wundern, die Jeus tat, erkannt hat, weist Jesus hingegen darauf hin, dass man neu geboren werden muss. So wie er in der Taufe durch Johannes auch, symbolhaft durch die von Gott kommende Taube, nicht nur mit Wasser getauft sondern auch mit Gottes Geist beschenkt wurde. Und wie das jetzt bei allen Menschen möglich ist, das will Nikodemus jetzt sicher wissen.

Doro : Genau, so geht die Geschichte weiter: Nikodemus fragt Jesus : Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in den Bauch seiner Mutter gehen und geboren werden?

Wolfgang : Nikodemus stellt sich also an eine Wiedergeburt vor, so ähnlich wie die Hindus in Indien. Jesus hatte aber doch von einer Neugeburt, einer ganz anderen als unserer ersten Geburt gesprochen.

Doro : Deshalb erklärt er es im folgenden Teil des Bibeltextes genauer. Jesus antwortete: Wirklich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren werden. Der Wind Gottes bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist.

Wolfgang : Deshalb haben viele Menschen, als sie sich zu Christus bekannt haben, einen neuen Namen bekommen. Das bekannteste Beispiel ist Saulus, der zu Paulus wurde. Als wenn hier ein ganz neuer Mensch entsteht. Aber ich frage mich: Ist das heute noch möglich? Und wie komme ich an diesen neuen Geist? Oder falls er schon da ist, woran erkenne ich ihn, wenn der Wind Gottes doch kommt und bläst, wohin er will?

Doro : Mit unseren Augen können wir das sicher nicht direkt sehen, aber an den Auswirkungen vielleicht erkennen. Gottes Geist bewirkt Frieden, Freude, Glück, Trost, Geborgenheit, Fürsorge. So eine Veränderung merkt man doch bei Menschen.

Wolfgang : Da fällt mir eine Geschichte aus Indien ein: In Indien lebte ein Mann, der schon als Junge erblindet war. Wie das damals dort und teilweise noch heute üblich ist, wurde für ihn eine Frau von der Familie ausgesucht. Da er ja vollständig blind war, suchte man keine Schönheit für ihn aus. Seine Frau galt schon als junges Mädchen als hässlich und wurde von allen Mitschülern und insbesondere von den Mädchen ausgelacht: „Du wirst nie einen Mann finden“. Sie war nicht nur pummelig, sondern hatte auch eine kaum fühlbare, aber deutlich sichtbare Narbe im Gesicht, was dadurch entstellt wirkte. Schon deshalb war sie nicht unglücklich, als von ihrer Familie ein Blinder als Mann für sie ausgesucht wurde. Aber die beiden verliebten sich ineinander. Sie war dem blinden Mann in vielen Ehejahren eine gute Frau. Sie war tatkräftig und fleißig und trug ganz viel zum Einkommen der Familie bei, zu der bald auch 2 Kinder zählten. Jahre später, als die Kinder bereits aus dem Haus waren, kam ein Arzt aus einem fernen Land in ihr Dorf. Er untersuchte den blinden Mann und bot an, durch eine Operation die Blindheit heilen zu können. Seine Frau erschrak, was würde er denken, wenn er sie jetzt zu sehen bekäme. Schon als Kind keine Schönheit, aber jetzt nach vielen arbeitsreichen Jahren alt und ausgemergelt und runzlig. Sie warnt ihren Mann vor der Operation, sie wäre viel zu gefährlich. Der Mann ist hin und her gerissen. Einerseits würde er gern wieder sehen, aber andererseits vertraut er den Worten seiner Frau. Er fragt einen alten indischen Guru um Rat. Der kennt die Frau und ahnt, dass die medizinischen Bedenken nur vorgeschoben sind. Er rät: Höre auf das, was dir dein Herz dir sagt.

Doro : Und das ist das Ende der Geschichte? Ich persönlich finde so etwas gemein. Ich will doch wissen, wie der Mann sich jetzt entschieden hat. Hat er sich operieren lassen? Und wenn, hat er seine Frau immer noch so lieb wie vorher, obwohl er jetzt weiß, dass ihm sein halbes Leben lang die Wahrheit vorenthalten wurde. Oder verlässt er sie deshalb, oder weil er sie so hässlich findet? Oder verlässt sie ihn vor Enttäuschung, weil er ihr nicht vertraut hatte? Oder vertraut er ihr, lässt sich nicht operieren und sie leben beide glücklich mit dieser Lüge bis an ihr Lebensende? Ich würde es zu gern wissen.

Wolfgang : Ich auch, aber leider war die Geschichte da zu Ende. Und der Rat des Guru hilft uns bei der Frage, wie die Geschichte endet, auch nicht ernsthaft weiter. Es ist sicher gut und richtig, auf sein Herz zu hören. Das was man sieht ist oft nur die Oberfläche. Aber auch manche Herzen sind versteinert und hart. Was der Mensch braucht ist ein von Gottes Geist durchströmtes Herz. Ein offenes freundliches gütiges Herz. Das ist das Herz von dem der schlaue Fuchs im Buch: Der kleine Prinz von Saint-Exupéry spricht. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Man sieht nur mit dem Herzen gut. Unsere Augen sehen oft nur das Schlechte, Gewalt, Krieg, Kathastrophen und Leid. Wen aber der Geist Gotttes durchströmt, der sieht, wo Frieden und Heilung, Rettung und Hoffnung ist.

Doro: Wenn man ein Herz hat, das offen für Gottes Geist ist, sieht man viel vom Anbruch des Reiches Gottes. Es sind oft unscheinbare Dinge, die große Veränderungen auslösen. Wie der Tag, als Frau Rosa Parks, eine farbige Arbeiterin aus Montgomery in Alabama sich erschöpft auf einen Busplatz setzte, der für Weiße reserviert war und damit die erfolgreichste Bürgerbewegung der USA auslöste. Oder Greta, die statt zur Schule zu gehen sich jeden Freitag vor das Stockholmer Parlament setzte um auf die Klimakrise hinzuweisen. Oder die Familie, die sich schon seit mehr als ein Jahrzehnt um ihre fast demente Großmutter kümmert. Oder der hochintelligente Schüler, der statt mit erhobener Nase durchs Schulgebäude zu laufen, nachmittags anderen, denen das Lernen schwer fällt, bei den Hausaufgaben hilft. Wer sein Herz für Gottes Geist öffnet, sieht manchmal schon den Himmel auf Erden.

ACHTUNG: BISSIG

Zum Hundedorf mutiertes Seniorendorf auf der ehemaligen Seekoppel in Bosau nimmt eigentüm(er)liche Züge an

Hund oder Mensch – das Gründerehepaar des Seniorenprojektes Uhlenbusch hat sich entschieden: Mit der Idee einer großartigen Vision für gemeinschaftliches Älter-Werden lockt man die ersten Mieter für die zu dieser Zeit noch im Bau befindliche Siedlung und lädt sie ein zur Mitgestaltung einer neuen Form des Zusammenlebens. Wenig später stellt sich heraus, dass die nun im Dorf lebenden mündigen Menschen nicht kompatibel sind mit den eigenen Vorstellungen. Nun setzt man alles daran, die nicht genehmen Mieter wieder loszuwerden. Etwa 2/3 der ersten Mietergeneration hat vier Jahre nach Baubeginn die Konsequenzen gezogen und den Uhlenbusch verlassen. Weggeekelt – weil sie dummerweise Menschen und nicht Tiere waren.

Das ist schon eine seltsam verkehrte Welt, die man sich im Uhlenbusch geschaffen hat.

  • Hunde haben oberste Priorität.
    Ein zwei Meter hoher Zaun umschließt das Dorf und vermittelt den Eindruck, dass hier ein elitärer Verein zuhause ist, der mit den Menschen ‚draußen‘ nichts zu tun haben will. Hunde dürfen sich hier frei bewegen, sie dürfen Bewohner stellen und anbellen, dürfen auf den privaten Terrassen und den kleinen Gartenstreifen ihre Notdurft hinterlassen. Sich auch gegenseitig Machtkämpfe liefern. Oder Mieter Krankenhaus-reif beißen. Leinenzwang für gefährliche Hunde gab es nur solange, wie die Mieter, die einen ‚Biss-Unfall‘ zur Anzeige gebracht hatten, ausgezogen sind.

    Und sollte mal ein Tier sterben, so ist man sich sicher, dass es auf dem Uhlenbuschgelände beigesetzt werden kann. Auf einem – nicht angemeldeten – Tierfriedhof in unmittelbarer Nähe der eigenen Uhlenbusch-Brunnens kann man bereits 15 (!) Tiergräber besuchen.

  • Angst vor Öffentlichkeit
    Ich habe drei Jahre im Uhlenbusch gewohnt. Und immer wieder zeigt sich das gleiche Muster: Es darf nichts ‚nach draußen‘ dringen – ob das Vorfälle mit den Hunden betrifft oder abrechnungstechnische Fragen oder vorsichtige Versuche, den Uhlenbusch dem Dorf Bosau näher zu bringen. Oder eben auch der Tierfriedhof. Oder der Umgang mit Corona im ersten Jahr der Pandemie. Es darf nichts ‚nach draußen‘ dringen – wer sich an dieses ungeschriebene Gesetz nicht hält, wird der Übergriffigkeit beschuldigt. Oder nicht mehr gegrüßt. Oder so behandelt als gäbe es sie oder ihn nicht.

  • Menschen
    Das zum Hundedorf mutierte Seniorendorf hat inzwischen unendlich viele Schrammen und Beulen, die die ursprüngliche wunderbare Vision gemeinschaftlichen Lebens kaum noch erkennen lässt. Dabei sollte es doch  etwas ganz Besonderes werden,  dieses wie eine Ferienhaussiedlung anmutende Dörfchen am Ende des Ortes Bosau:
    Man lebt Gemeinschaft, achtet aufeinander, kann aktiv und selbstbestimmt alt werden, ein würdevolles Leben bis zuletzt führen. Die vom Dorfgründer gepriesene besondere Qualität im Umgang und Gespräch miteinander hat sich ins Gegenteil verkehrt. Ein Tierfriedhof ist selbstverständlich, ein Baum mit einer Gedenktafel für verstorbene Uhlenbusch-Mieter allerdings verboten. Ins Seniorenprojekt eingebrachtes Eigentum wie teures Werkzeug ist nur solange geduldet, wie man Eigentümer und Werkzeug – auch für private Zwecke der GmbH – benötigt. Danach ist möglichst beides zu ‚entsorgen‘.

    Mensch oder Tier?
    Das Gründerehepaar Reimann hat sich entschieden!
    Dorothea Brand