HOFFNUNGSSCHIMMER

FLUSS UND MEER

PREDIGT zu Jeremia 29

Zusammenfassung unseres 2-jährigen Enkels:
„Alles dunkel – Geisterlicht kommt!“ Genial!!

Friede sei mit Euch!

Liebe Frauen und Männer, liebe Schwestern und Brüder,

 „Kaffee?“, frage ich den Soldaten, der bei mir im Türrahmen steht. „Gern“,  schallt es zurück. „Milch, Zucker?“ – „Schwarz bitte. Wie meine Seele.“

Die Begegnung liegt viele Jahre zurück und doch hat sie sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt. Manchmal sind es die kleinen alltäglichen Dinge, die einem den Blick öffnen.

„Kaffee?“, frage ich den Soldaten, der bei mir im Türrahmen steht. „Gern“,  schallt es zurück. „Milch, Zucker?“ – „Schwarz bitte. Wie meine Seele.“

Wie oft habe ich das schon gehört. Und eigentlich habe ich mir dazu noch nie richtig Gedanken gemacht.

Warum sollte die Seele schwarz sein?

Karfreitag fällt mir ein. Menschen, wie sie mit schweren Schritten Richtung Golgatha gehen  – dem Hügel der Kreuzigung Jesu. Tränen in den Augen. Hoffnungslos. Denn der, dem sie gefolgt waren, war tot. Auf den sie ihre ganze Hoffnung gesetzt hatten, lebte nicht mehr.

Bilder aus dem ersten Lockdown sind mir vor Augen – in Italien werden Leichen auf Lastwagen abtransportiert und Bestatter kommen mit dem Beerdigen nicht nach.

In Altenheimen und Krankenhäusern sterben Menschen alleine.

Familien in kleinen Wohnungen stehen vor dem Kollaps.

Vieles ließe sich hier weiterführen …
Schwarz – aussichtslos – vorbei! Wenn ich schwarz sehe, dann – sehe ich nichts mehr. Eine Wand – undurchlässig – ohne den Blick auf das, was danach kommt.

Ich sehe schwarz. Warum auch immer.

„Kaffee?“, frage ich den Soldaten, der bei mir im Rahmen steht. „Gern“,  schallt es zurück. „Milch, Zucker?“ – „Schwarz bitte. Wie meine Seele.“

Und ich höre mich antworten:
Oh – schade: Dann haben Sie wohl noch nie von Ostern gehört?

Fragezeichen im Gesicht meines Gegenübers:
Kaffee – schwarz – Seele – Ostern

Fragezeichen.

Ich komme mit den gefüllten Tassen zurück:
„Warum meinen Sie“, beginne ich das Gespräch, „warum meinen Sie, dass Ihre Seele schwarz ist?“ und er antwortet mit einer Gegenfrage: Was das denn mit Ostern zu tun habe.

Und ich erzähle von dem Gottesdienst in der Osternacht. Wie die entzündete Osterkerze in die dunkle Kirche getragen wird. Wie das kleine Licht den dunklen Raum erstrahlen lässt, wie die vielen kleinen Osterkerzen an dem einen Licht entzündet werden, bis die Kirche hell ist.

Ich erzähle von der Symbolik, dass Jesus von den Toten auferweckt wurde.

Ich erzähle davon, wie die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus Menschen ergreift, wie sie aus ihrer Karfreitagsdepression herausgerissen werden und wie die schwarze Wand vor ihnen einen Spalt bekommt, wie Licht auf sie fällt.

Und mein Soldat?
„Ich bin nicht sehr religiös“, sagt er.

„Aber das mit dem Dunkel und der Wand, das kenne ich. Perspektivlos, verzweifelt, wie ich  – so müssen sich die Freunde um diesen Jesus gefühlt haben an jenem schwarzen Freitag.“

Und dann erzählt er von einer verfahrenen Ehesituation. Davon, wie er sich betrogen fühlt von der Ehefrau, während er im Einsatz war. Von Schuldvorwürfen, von Schuldgefühlen und davon, dass er sich am liebsten aus diesem Leben verabschieden wolle. „Die Wand – schwarz – ohne Hoffnung. Schwarz, kein Weiß. Eben wie meine Seele. Sie ist ein Spiegel  meiner Situation.“

„Ja“, sage ich. „Das ist erdrückend. Schwarzer Tag. Undurchdringlich.
So müssen sich Jesu Freunde auch gefühlt haben. Am Ende angekommen.

Und dann?
Ostermorgen für die um Jesus herum.  Frauen sind das zuerst – sie wollen dem toten Jesus die letzte Ehre erweisen – wollen ihn salben mit kostbarem Öl:

Da ist eine Maria, die nichts sieht. Das Schwarz ist so undurchdringlich, verschließt  Augen und Herz. Sie hält den auferstandenen Jesus für den Friedhofsgärtner, fragt ihn nach dem Leichnam Jesu.

Und dann hört sie was – nur ein Wort: Maria.

Sie hört ihren Namen. Sie ist gemeint. Licht fällt durch einen kleinen Spalt im Dunkel. Strahlt sie an, stellt sie auf den Weg jenseits von ihrem Dunkel.
Eine Perspektive tut sich auf – ein Weg – Zukunft.

Ostern meint: Auf meine so schwarze Seele fällt Licht – einen Spalt breit – ausreichend, um das undurchdringliche Schwarz der Wand zu durchbrechen. Licht genug, um das Kreisen im Dunkel der Schuldgefühle und Vorwürfe zu unterbrechen.

Irgendetwas muss dran sein, an diesen Erfahrungen.

Das war nicht nur damals so – bei dem ersten Ostern.
Irgendetwas muss dran sein.

Irgendetwas muss dran sein.
Darum rede ich schon heute – weit vor dem Osterfest, das wir in diesem Jahr erst Mitte April feiern, von dem, der dunkle Zeiten heller machen kann. Von dem, der uns Aufatmen lässt in schweren Zeiten.


Aufatmen – wie das gehen soll?
Vielleicht so, wie es der Prophet Jeremia seinen in die Verbannung geschickten Landsleuten schreibt. Mitten hinein in die tiefe Depression des Verlustes von Heimat, vom Tempel und – von Gott? – fordert Jeremia zum Durchhalten auf:

1. Akzeptiert die Krise – arangiert euch mit der so schlimmen Situation.
Das ist schwer. Wir wissen das wohl aus den eigenen Erfahrungen der letzten zwei Jahre.

Findet euch ab mit der Krise und dann
2. Krempelt die Ärmel hoch: „Baut Häuser und wohnt darin! Pflanzt Gärten und erntet. Zeugt Kinder und verheiratet eure Kinder!“ Denn die Krise wird lange dauern – ein oder zwei Generationen lang. Darum „sucht der Stadt, in der ihr jetzt lebt, sucht der Stadt Bestes. Engagiert euch in und für die Stadt. Betet für sie. Denn das ist jetzt eure Heimat! Geht es der Stadt gut, dann geht es auch euch gut.

Das ist eine klare Ansage – auch für uns!
Denn – nochmal Jeremia: Gott weiß wohl, was für Gedanken ER über euch hat: Gedanken des Friedens und nicht des Leids, dass Er euch Zukunft und Hoffnung gebe.

Vom Aufatmen in dunkler Zeit – irgendetwas muss dran sein, an allen diesen Erfahrungen.

Ich kehre noch einmal zu meinem Soldaten zurück.
Diesem einen Gespräch folgten zwei weitere mit meinem Soldaten.

Immer war der Kaffee schwarz – die Seele aber hatte einen Lichtschimmer abbekommen. Gespräche mit der Frau, Unterstützung von Freunden, ein Weg jenseits der schwarzen Wand.

Mehr Ostern geht kaum noch – auch wenn es erst Februar ist. Amen.

Und der Friede Gottes, der größer ist als unser Verstand es begreift, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

ROTENBURG

KONZERT IN BEGA

Es war wie ein ‚Nach-Hause-Kommen‘ .
Vor ziemlich genau 13 Jahren wurde ich nach 25 Dienstjahren in der Kirchengemeinde Bega in den Dienst bei der Militärseelsorge verabschiedet.
Zehn Jahre voller Begegnungen und Gespräche folgten. Seit März 2019 bin ich nun Pfarrerin i.R. – immer in Reichweite und Rufbereitschaft 🙂
So bin ich gerne der Einladung in meine alte Kirchengemeinde im Februar d.J. gefolgt.

RARE OLD TIME

BANQUETT HALL

Zum Erntedankfest 2021

Liebe Frauen und Männer,
liebe Schwestern und Brüder,

mal wieder – ein Stein …
ich mag Steine – und ich habe auch in diesem Jahr wieder am Strand gesammelt …

Mit Steinen kann man viel machen:

  • einen Schutzwall bauen
  • oder einen kleinen Garten gestalten,
  • sie vom Acker sammeln,
  • man kann sie leider auch gegeneinander erheben,
  • man kann Türme damit bauen,
  • oder sie als einen kleinen Weg durch einen Bach legen, um trockenen Fußes hindurchzukommen,
  • und vieles andere …

Von einem besonderen Stein will ich erzählen:

Jakob wählt ihn aus.
Auf der Flucht vor der Rache seines Bruders Esau legt sich Jakob schlafen. Stunden ist er gelaufen – immer unter der sengenden Hitze der Sonne –  und mit der Angst im Nacken.
Was ich getan habe, war falsch, er wusste das.
Den Bruder hatte er um sein Erbe – den Segen seines Vaters – gebracht,
und den alten Vater hatte er böse betrogen.

Dass er weg musste von zu Hause, es war ihm klar – aber es tat so weh.

Unter freiem Himmel legt er sich hin – einen Stein hinter seinem Kopf als kleinen Schutz – und er schläft.

In jener Nacht träumt er:
Der Himmel über ihm ist offen.
Eine Leiter verbindet den Himmel mit dem Fleckchen Erde,
wo er liegt. In ständigem Auf und Ab bewegen sich Gestalten von oben nach unten und wieder hinauf.

Und er hört eine Stimme:
Jakob, du sollst gesegnet sein. Viele Nachkommen sollst du haben und das Land, auf dem du liegst, soll dir gehören.
Und siehe, ich bin mit dir und ich will dich behüten, wo du hinziehst.

Jakobsleiter in der Kirche zu Alta/Norwegen

Jakob erwacht.

Staunen ist ihm ins Gesicht geschrieben:
Ihm, dem Betrüger, schickt Gott solch einen Traum?

Und was bedeutet er?
Was ist das für ein Gott, der sich ihm zuwendet, als er im wahrsten Sinne des Wortes am Boden liegt?

Staunend nimmt Jakob den Stein, der ihm als Schutz gedient hat.

Er richtet ihn auf, träufelt ein wenig des kostbaren Öls, das er bei sich trägt, auf diesen Stein und beginnt zu verstehen:

Hier an diesem Ort haben sich Himmel und Erde berührt.
Gott selbst wohnt hier an diesem Ort,

an dem ich mich mutterseelenallein gefühlt habe.
Gottes Haus ist hier. Gott nimmt hier Wohnung.
Den Himmel, den ich verschlossen glaubte, sah ich offen.

Gott macht sichtbar, was er verspricht:
Lichtgestalten zwischen Himmel und Erde –
was bedeutet: Ich bin bei dir … gehe mit dir – rauf und runter, durch dick und dünn, durch die Tiefe und in die Höhe …
Dem Betrüger wendet sich Gott erneut zu:
Mit Worten und mit den Bildern des Traums:
Ich bin bei dir und will dich behüten, wohin du auch ziehst!

So also ist Gott.
Staunend steht Jakob vor seinem Stein.

Sein Stein – Zeichen der Erinnerung für später –

Zeichen des Dankes

  •  für erfahrene Bewahrung
  •  für wiederholtes Versprechen
  •  für nicht verdiente Zuwendung (im bibl. nennt man das Gnade!)

    Sein Stein – er wird zur Brücke zwischen Gestern und Morgen.

Manchmal brauchen wir Menschen solche Steine.
Sie helfen uns erinnern.
Sie helfen uns ‚Danke’ zu sagen.

Die alten Väter der Bibel haben ihren Dank sichtbar gemacht:
Wo immer sie Rettung erfahren haben, bauten sie einen Altar: 
Sie schichteten Steine übereinander, zündeten ein Feuer an, opferten Getier.

Und in allem war präsent, wofür zu danken war :
für Kinder und große Viehherden,
für Bewahrung,
für einen neuen Weg und ein neues Zuhause,
für Wasser in letzter Minute und Essen,
für die gelungene Versöhnung und für einen Neuanfang.

Auch unser Raum ist voller ‚Erinnerungssteine’:
Wir tragen zusammen, was gewachsen ist in Gärten und auf Feldern,
und mit ihnen legen wir auf den Tisch, was wir an Arbeit geleistet haben.

Und in Gedanken sind da auch die vielen persönlichen Dinge, die wir erlebt haben, für die wir auch ‚Danke’ sagen.

Und es geht uns wie Jakob:
Staunen ist uns ins Gesicht geschrieben:

Wieder ein Jahr – wirklich schon wieder ein Jahr?

Ein Jahr – geschenkte Zeit,
erfüllte Partnerschaft,
Kinder, die so viel fordern, aber doch so viel Freude in ein Haus bringen,
Essen und Trinken, vielleicht ein neues Zuhause,
neue Freunde, liebe Nachbarn.

Ein Jahr geschenkte Zeit –

aber auch Krankheit, vielleicht Genesung, langsame Fortschritte im Genesen, Arbeitslosigkeit, Hausverkauf, Abstieg (mehr die Lichtgestalten, die in die Tiefe gehen), Schmerzen und Verlust.

In vielem, was uns widerfahren ist, haben sich Himmel und Erde berührt,
hat Gott uns berührt, angerührt, ist nahe gewesen.

Nicht immer haben wir es erkannt.
Und manchmal war es wie im Traum.

Jakobs Traum  nimmt uns mit.

Vielleicht öffnet er uns den Blick für den geöffneten Himmel über uns. Und wir erkennen: das Licht reicht bis zu uns – herunter.

Und staunend nehmen wir wahr:
Gott meint es noch mal gut mit uns.

Er rückt nicht von uns ab. Sondern kommt an unsere Seite.

Auch wenn wir nicht die Treuesten waren,
auch wenn wir schuldig geworden sind im Umgehen miteinander,
auch wenn wir meinen, ohne Gott auskommen zu können.

Jakobs Traum nimmt uns mit –
nimmt uns mit ins Staunen
und mit ins Danken.

Und wir bringen diesen Dank vor Gott

und gehen weiter,
staunend und dankend und voller Hoffnung,
dass Gott uns nicht allein gehen lässt. Auch nicht morgen und übermorgen. Amen.


Die Kirche zu Alta/Norwegen