Hast du noch Töne?

Noch klingen sie nach … die KlangWellen 2026 auf der Seebrücke in Niendorf.
Reich beschenkt sind wir auch in diesem Jahr wieder in das Winterhalbjahr hineingegangen.


Wind und Wellen, manche Zitterpartie, ob denn das Wetter halten wird, Dankbarkeit auch für nicht gezählte Begegnungen mit neuen und mit vertrauten Gesichtern –
und in allem und durch alles hindurch die Töne, die sich mit und an diesem besonderen Ort wie von selbst vervielfachen.


Mit einem Märchen haben wir uns aus dieser Saison verabschiedet:

Wenn ein König starb, so musste seine Frau mit in den Tod gehen, dass sie ihm eine Gefährtin auf dem Weg ins Jenseits sei. 

So wurden die Frauen der Könige mit ihrem Ehemännern begraben, unabhängig von ihrem Alter. Zwei Ausnahmen gab es für diese Regel. War die Frau sehr krank, so durfte sie weiter leben, denn eine kranke Frau, so sagte man, könne dem König auf dem Weg ins Jenseits keine Hilfe sein, sie würde ihm sowieso bald folgen. Ebenso verhielt es sich, wenn die Frau geistig verwirrt war. Sie würde ihn belasten, sagte man, also ließ man einer solchen Frau das Leben.

Es begab sich nun, dass ein junger König im Kampf schwer verletzt wurde; er rang mit dem Tod, doch starb nach einigen Wochen. Sein Gesicht war noch schmerzverzerrt, als er zu Grabe gelegt wurde.

Als man seine Frau holen wollte, sie mit ins Grab zu legen, musste man erfahren, dass der Schmerz um Krankheit und Verlust ihres geliebten Mannes ihren Geist verwirrt hatte.

Den größten Teil der Tage verbrachte sie damit, mit einem großen Korb durch den Palast, durch Straßen und über Felder zu gehen. Schier endlos betrachtete sie dabei die Pflanzen, den Sonnenuntergang sowie des Nachts die Sterne. Sie lächelte fremden Menschen zu, und spielte mit Kindern auf der Straße. Einige behaupteten, man habe sie mit Tieren sprechen gehört. Nein, diese Frau sollte nicht mit dem König gehen. So behielt sie ihr Leben.

Mit der Zeit vergaß man sie und den König.


Jahrhunderte später stießen Forscher auf ein Grab aus jener Zeit.
Als man es öffnete fand man darin zwei mumifizierte Menschen, den Leichnam eines Königs und neben ihm den Leichnam einer viel älteren Frau, die einen großen Korb umschlungen hielt. Man rätselte, wer diese Frau sei, da Könige doch ihre Ehefrauen mit ins Grab nahmen.
Erst als man den Text auf der Schriftrolle entzifferte, die als einzige Beigabe im großen Korb lag, wusste man, wer hier ewige Ruhe fand:

„Hier bin ich nun, mein Liebster. Ich habe den Weg vollendet, dessen ersten Abschnitt wir gemeinsam gingen, denn schmerzerfüllt und mit leeren Händen wollte ich dir nicht folgen.

Ich habe mir Zeit gelassen, die Sonnenstrahlen des Tages zu sammeln, sowie das nächtliche Glitzern der Sterne, den Anblick wunderbarer Blumen, den Duft frisch gemähter Wiesen, die fragenden Blicke der Fremden und das lebendige Lachen der Kinder, auch Trauer und Trost, Einsamkeit und Erfüllung, Sehnsucht und Glück.

So kann ich dir nun viel von dem mitbringen, was dir nicht mehr vergönnt war. All das wäre für uns verloren gewesen, wenn ich nicht weiter durchs Leben gegangen wäre. Nun haben wir all dies für unseren weiteren Weg in die Ewigkeit.“
Die Forscher, die das Grab geöffnet hatten, berichteten, dass man im Gesicht des verstorbenen Königs deutlich ein Lächeln erkannte.


So wollen wir uns Zeit nehmen, die Sonnenstrahlen des Tages zu sammeln, und das nächtliche Glitzern der Sterne, den Anblick wunderbarer Blumen, den Duft frisch gemähter Wiesen, die fragenden Blicke der Fremden und das lebendige Lachen der Kinder, auch Trauer und Trost, Einsamkeit und Erfüllung, Sehnsucht und Glück.
So wollen wir uns Zeit nehmen, all das zu sammeln, was ‚reif‘ auf den Boden gefallen und nicht vom Winde verweht ist.

Wir wollen Zeit nutzen zu sammeln, damit wir gut durch den Winter kommen.


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