Predigt zu der Geschichte von Varenka und der Jahreslosung 2020: „Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!“ (Doro)


Friede sei mit euch!

Liebe Frauen und Männer, liebe Schwestern und Brüder!

Vor langer Zeit lebte in den alten Wäldern Russlands eine Witwe mit Namen Varenka. Ihr kleines Holzhaus lag tief im Wald – nur selten kam jemand hier vorbei.

Varenka hatte alles, was sie brauchte: einen Tisch und ein paar Stühle, Kästen für Brot und Käse und Geschirr. Nahe des Ofens hatte sie einen kleinen Altar gebaut. Auf der warmen Ofenbank fand sie nachts ein Plätzchen zum Schlafen. 

Varenka war glücklich. 
Eines Tages kam eine Gruppe von Leuten vorbei. In heller Aufregung riefen sie: „Varenka, schnell, pack ein paar Sachen. Im Westen tobt ein schrecklicher Krieg. Jeden Tag kommt er näher. Komm mit uns mit, bevor dir etwas zustößt!“

Varenka überlegte einen kurzen Moment. Dann sagte sie: „Nein, ich bleibe hier. Wer wird die müden Wanderer stärken, wenn ich mit euch mitgehe? Wer nimmt sich der Kinder an, die sich im Wald verirren? Wer wird sich um die Tiere des Waldes kümmern, wenn der Winter kommt? Nein – ich komme nicht mit. Ich bleibe! 
Doch ihr – ihr möget euch beeilen. Zieht weiter und Gott schütze euch!“

Am Abend dieses Tages, als es still wurde im Wald, da hörte Varenka das Donnern der Kanonen und sie kniete an ihrem Altar und betete zu Gott:
Bitte bau eine Mauer um mein Haus, damit mich niemand hier findet!

Es wurde Nacht und die Kanonen verstummten. Friede lag über dem Wald.
Nur – Gott kam nicht und niemand baute eine Mauer um Varenkas Haus.

Als Varenka am nächsten Tag aus dem Wald heimkehrt, steht vor ihrer Hütte Pjotr, der Ziegenhirt – im Arm ein Ziege, das einzige, was ihm geblieben ist. Varenka bittet ihn hinein und als der Abend kommt, da kniet sie nieder an ihrem Altar und betet:
Bitte bau eine Mauer um mein Haus, damit uns niemand hier findet!

Es wurde Nacht und die Kanonen verstummten. Friede lag über dem Wald.
Nur – Gott kam nicht und niemand baute eine Mauer um Varenkas Haus.

In der Frühe des nächsten Tages geht Varenka Pilze sammeln. Erschrocken fährt sie hoch, als sie in einem hohlen Baum einen jungen Mann schlafend entdeckt. Auch ihn, den Maler Stjepan nimmt sie mit nach Hause. Ihn, sein Bild und die kleine weiße Blume.

Und als der Abend kommt, da kniet sie nieder an ihrem Altar und betet:
Bitte bau eine Mauer um mein Haus, damit uns niemand hier findet!

Es wurde Nacht und die Kanonen verstummten. Friede lag über dem Wald.
Nur – Gott kam nicht und niemand baute eine Mauer um Varenkas Haus.

Am dritten Tag ist das Donnern der Kanonen sehr laut. Kaum vernehmbar hört Varenka die weinende Stimme eines Kindes vor ihrer Tür. „Ich habe Vater und Mutter auf der Flucht verloren und hab mich verirrt. Ich roch den Duft des Brotes.“ So kam auch Bodula ins Haus.

Und als der Abend kommt, da kniet sie nieder an ihrem Altar und betet:
Bitte bau eine Mauer um mein Haus, damit uns niemand hier findet!

Es wurde Nacht und die Kanonen verstummten. Friede lag über dem Wald.
Nur – Gott kam nicht und niemand baute eine Mauer um Varenkas Haus.

Auch in dieser Nacht war alles sehr still. Doch um die stillste Stunde herum vernahm Varenka einen leisen Ton. Vorsichtig öffnete sie einen Fensterladen und sah, dass Schnee fiel.

Sie trat vor ihren Altar, fiel auf die Knie und dankte Gott.

Und als der Morgen kam, da war das kleine Haus bedeckt von Schnee.

Als am Mittag die Soldaten kamen, da sah keiner von ihnen das kleine Haus unter der Schneehülle. Und sie gingen vorüber.
Pjotr, Stjepan, Bodula und Varenka aber dankten Gott.

Man erzählt, in diesem Teil Russlands habe es nie wieder Krieg gegeben.

Eine Geschichte wie ein Märchen – weit weg von uns hier in Kellenhusen –
weit weg, so will es scheinen, von dem, was unseren Alltag prägt.






Was hat diese märchenhafte alte Geschichte hier verloren?

Ich will benennen, was mich bewegt hat, diese Geschichte auszusuchen.

Wir teilen die Ängste, die diese 4 Menschen in dem kleinen Haus bewegen.

Angst vor diesem oder jenem, vor kleinen Tragödien und großen erschütternden Ereignissen.

Wir teilen die Ängste.

Was passiert, wenn ich schwer erkranke?
Wie verkrafte ich, wenn ein geliebter Mensch in meiner nächsten Umgebung stirbt?
Wie entwickelt sich die angespannte Lage im Nahen Osten und an anderen Kriegsschauplätzen dieser unserer Welt?

Wie kann ich der ständig zunehmenden Gewalt begegnen?

Die Ängste in dem kleinen Haus im Wald können wir sehr gut verstehen.
Das ist das eine.


Und das andere, was mich bewogen hat, diese Geschichte auszuwählen, ist:

Die Geschichte malt ein sehr anschauliches Bild von dem, was Menschen bewegen können, die an Gott glauben.➢ Varenka hat ein offenes Auge und ein weites Herz. Beides hilft ihr, die Not der drei anderen zu erkennen und Abhilfe zu schaffen. Auf engstem Raum beieinander, tun sie etwas, was ihre Ängste erträglicher macht: sie essen und trinken miteinander, sie singen, sie erzählen einander von sich selbst. 
Das ist das eine.
➢ Und der andere Gedanke:
Varenka glaubt an Gott und sie rechnet mit seiner Hilfe – ganz konkret. Das meint der vielleicht etwas angestaubte Begriff ‚Hoffnung’.
Hoffnung: Gott wird eine Mauer bauen, damit wir vier hier in diesem kleinen Haus nicht umkommen.
Hoffnung: Gott findet Wege, die vielleicht zunächst außerhalb meiner Denkens und meiner Erfahrung liegen, um zu helfen.
Hoffnung: Gott hat mit mir zu tun. Ganz konkret. Nicht erst später mal, wenn ich alt bin. Wenn ich krank bin. Wenn ich in Gefahr bin.

Eine Geschichte wie ein Märchen – weit weg von uns hier in Kellenhusen –
weit weg, so will es scheinen, von dem, was unseren Alltag prägt.

Aber vielleicht doch nicht so weit weg  …
denn genau das möchte ich doch erfahren können: 
Dass ich erleben kann, dass mein Glaube an den lebendigen Gott etwas bewegt – in meinem kleinen Alltag, und damit auch in den großen Zusammenhängen des menschlichen Lebens.

Gemeinsam essen und trinken,
einander von dem erzählen, was einem wichtig ist – gegen die Angst, die in uns steckt – wie die vier Menschen in Varenkas Haus.

Und die Hoffnung lebendig erhalten –
die Hoffnung, dass Gott manchmal Wege findet, mir zu helfen, die außerhalb meines Denkens stehen und den Erfahrungen, die ich bis jetzt gemacht habe, trotzt.

„Ich glaube. Hilf du, Gott, meinem Unglauben!“
Die Jahreslosung aus dem Markus-Evangelium nimmt das auf.

Ich glaube.
Ich glaube an den lebendigen Gott.
Und ich will mich nicht davon abbringen lassen.
Ich will mich nicht davon abbringen lassen, dass dieser Gott an meiner und an deiner Seite steht.

„Hilf meinem Unglauben, Gott!“
Erinnere mich daran, dass ich getauft bin.
Dass du mir zugesagt hast: Du, Menschenkind, bist mir wichtig und wertvoll. Ich brauche dich, damit Frieden wird. 
Frieden – wie damals im Wald und weit darüber hinaus.

Ich glaube an den lebendigen Gott.
D.h.: Ich bin Gottes Hoffnungsträger in dieser unserer so maroden Welt.

Ich darf Gott an meiner Seite wissen, und ich darf Gott um Kraft bitten, dem Amt des Hoffnungsträgers gerecht werden zu können.

Und Gott wird sich bitten lassen. Um den Schutz einer Mauer genauso wie das Einreißen einer Mauer, um die Bereitschaft zum Gespräch, das abgebrochen ist genauso wie um Begleitung, wo ein Mensch vereinsamt.

So wünsche ich uns allen ein von Gott gesegnetes Neues Jahr 2020!